Es sei beinahe bei jedem Festival so, daß Kritiker sagen, es hätte kein eigenes Gesicht; so hätte man es auch diesmal, bei den Berliner Festspielen, hören können: es fehle die spezifisch berlinische Physiognomie.

Mit diesen Sätzen beginnt eine Schilderung in der größten holländischen Wochenzeitung Elseviers Weekblad. Sofort aber betont der Kritiker: „Kein einziger Künstler aus dem Ausland, keine Künstlergruppe hat abgesagt... Die Ostberliner, früher sehr zahlreich, fehlen diesmal; aber auch viele Westdeutsche fehlen, sie haben Angst und bleiben weg. Die Hoteliers klagen. Mein Hotelzimmer war fünf Mark billiger, als der Anschlag mitteilte. ‚Wegen der Festwochen‘, sagte die Hoteldirektion.“

Die Darbietungen der Festwochen haben den holländischen Kritiker ebenso beeindruckt wie der Anblick. Berlins selber. Er sah „den Ernst-Reuter-Platz mit seinen modernen Büropalästen – dem Telefunken-Haus als dem allerhöchsten – mit den prächtigen Brunnenspielen in der Mitte, dann – in derselben Straßenlinie – die vormalige Siegessäule, dahinter das Brandenburger Tor, den Stacheldraht. Welche Perspektive! Der breite Boulevard, die gewaltigen Gebäude der modernen Weltstadt, die großen Theater, die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs, die geteilte Metropole, die kommunistische Welt: Alles in einer Längsachse...“

Den Neubau der „Deutschen Oper“ in Charlottenburg schildert Elseviers Weekblad als „eine graziösere und stillere Variante der Opernbauten in Köln und Hamburg“. Gastspiele ausländischer Künstler, Strawinskij in Berlin, glanzvolle Premieren klassischer Werke und moderne Kunst. Und das alles vor dem Hintergrund des Berlin-Dramas! Kein eigenes Gesicht? Was Sie nicht sagen!“

M-M