Warum Ludwig Erhard den Kanzler Adenauer ablösen muß

Von Gerd Bucerius

Als am 17. September um sechs Uhr abends die Türen der Wahllokale geschlossen wurden, war ich in meinem Stimmbezirk dabei, wie der Wahlvorsteher mit der Auszählung der Stimmen begann. Jeden Wahlzettel las er laut vor. Und da hieß es immer wieder: Erststimme Bucerius, Zweitstimme FDP – Erststimme Bucerius, Zweitstimme FDP... Es bestätigte sich also, was uns Tausende unserer Wähler in der Woche vor der Wahl bereits gesagt hatten: die CDU ja, Adenauer nein. Eine CDU ohne Adenauer, das war es also, was die Wähler wünschten. Umsonst hatten wir, gewarnt, die FDP sei – mit wenigen Ausnahmen – eine Ansammlung von Einzelgängern ohne Programm, auf deren Wahlversprechen kein Verlaß ist. Umsonst: aus Sorge vor Adenauer gaben so viele Wähler der FDP ihre Stimme, daß ihre Fraktion sich um die Hälfte vergrößerte.

Am Dienstag nach der Wahl verkündete Erich Mende den fünfhundert im Bundeshaus versammelten Journalisten: Wir akzeptieren als Kanzler jeden, nur nicht Adenauer. Am Montag, dem 2. Oktober, saß derselbe Erich Mende im Palais Schaumburg mit eben diesem Bundeskanzler Adenauer zusammen und pflegte Beratungen über die Koalition.

Inzwischen hatte nämlich. Adenauer mit der SPD verhandelt und damit – genau, wie er es beabsichtigt hatte – der FDP einen solchen Schrecken eingejagt, daß sie zu allem bereit war. Den Kanzler selbst focht dabei wenig an, daß er vor der Wahl gesagt hatte, er werde auswandern, wenn die SPD je zur Regierung käme, denn das bedeute ja den Untergang Deutschlands. Und die Verhandlungsführer der SPD hinderten jene Aussprüche nicht, jetzt ihre "volle Übereinstimmung" mit Adenauer festzustellen. Einige Tage danach, am 27. September, wandte sich die CDU/CSU-Fraktion allerdings von diesem Macchiavellismus erschrocken ab; eine Koalition mit der SPD einzugehen, nur um Adenauer zu retten – das schien denn doch zuviel.

Auf der anderen Seite war die CDU/CSU-Fraktion aber auch nicht bereit, Adenauer ausgerechnet der FDP zu opfern. Darum wollte – und mußte – sie Mendes Übermut brechen. Jetzt aber, nachdem die FDP vor dem 85jährigen Kanzler kapitulierte, hat die CDU die Möglichkeit, noch einmal innezuhalten und von neuem zu überlegen. Was steht zur Diskussion?

Adenauer ist nicht mehr der alte