Der englische Oppositionsführer Hugh Gaitskell, dem der extreme linke Flügel seiner Partei im vergangenen Jahr hart zugesetzt hatte, hat sich wieder gefangen. Schon Wochen vor dem diesjährigen Parteitag, der am Montag im Nordseebad Blackpool eröffnet wurde, war die Presse voller Lobgesänge ob der wiederhergestellten Einheit der Partei und voll der Vorschußlorbeeren über den Sieg, den der Oppositionsführer über die Linksradikalen davontragen werde, die ihn beim letzten Parteitag, in Scarborough, das Konzept seiner Verteidigungs- und Abrüstungspolitik so gründlich verdorben hatten. Gaitskell wurde in den Augen der Öffentlichkeit kräftig aufgewertet: Dem Mann, der sich letztes Jahr die Bezeichnung „Gouvernante“ gefallen lassen mußte, wurden nun plötzlich Eroberer-Qualitäten zugebilligt.

Eine Meinungsumfrage, deren Ergebnis gerade rechtzeitig zum Beginn des Parteitags veröffentlicht wurde, zeigt, daß die Engländer, müßten sie morgen ein neues Parlament wählen, der Labour Party eine Mehrheit von fünf Prozent einräumen würden. Dieser Vorsprung ist größer als der, den die Konservativen vor den Wahlen von 1959 hatten. Dennoch aber wollte der Optimismus in Blackpool nur vorsichtig keimen. Es fehlte auch nicht an düsteren Zukunftsprophezeiungen.

Zwar gab es keinen Zweifel, daß Gaitskell diesmal seine Verteidigungspolitik, für die NATO, gegen einseitige britische Atomabrüstung, durchbringen werde. Aber es war auch von Anfang an klar, daß noch immer eine Fülle von Meinungsverschiedenheiten die Parteiführung – einschließlich des größten Teils der Unterhausfraktion – vom linken? Flügel und von den Gewerkschaften trennt.

Die eindrucksvollste und aufregendste Rede des ersten Tages hielt Frank Cousins der Führer der Transportarbeitergewerkschaft, der letztes Jahr die Anti-Gaitskell-Fronde angeführt hatte. Was er sagte, barg für die Labourführung allerhand Gefahren. Gewiß applaudierte der Parteitag seinem Angriff auf den von den Konservativen verhängten Lohnstop, aber als er massive Streiks gegen die Regierung androhte, rührten sich sehr viel weniger Hände. Die Parteiführer wissen sehr genau, daß ihnen nichts so viele Stimmen kosten würde wie erneute Unruhen und Verkehrsstreiks.

Die Außenpolitik spielte in den ersten Reden dieses Parteitages keine Rolle, immerhin war schon vorher deutlich geworden, daß die große Mehrheit der Partei eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und auch die de-Facto-Anerkennung des Ulbricht-Regimes befürwortete. Der Parteivorsitzende Richard Crossman spielte indirekt auf die Berlin-Krise an, als er sagte: „Eine sozialistische Regierung wird auf friedliche Weise mit der kommunistischen Herausforderung fertig werden, und das einzige westliche Land, das hier ein Beispiel geben kann, ist Großbritannien.“ Daß Bundeskanzler Adenauer, General de Gaulle oder Signor Fanfani den Osteuropäern ein solches Vorbild bieten würden, könne man nicht erwarten. Präsident Kennedy würde es vielleicht gern tun, aber er wiederum habe nicht die Macht dazu.

Diese Rede war eine – allerdings beträchtlich abgewandelte – Neuauflage des naiven Labourarguments aus den vierziger Jahren: „Die Sozialisten wissen am besten, wie man mit den Russen auskommt, denn im Herzen fühlen wir uns alle sozialistisch.“

Es scheint, als habe Gaitskell inzwischen auch eine Entscheidung über die britischen Bedingungen für den Eintritt in den Gemeinsamen Markt getroffen. Zur großen Überraschung des Parteiapparats fand er sich dazu bereit, einen ziemlich negativen Resolutionsentwurf als Diskussionsgrundlage zuzulassen. Dieser Entwurf spricht sich gegen einen britischen Eintritt zur EWG aus, es sei denn, die englische Landwirtschaft würde ausreichend geschützt und Großbritannien behalte auch weiterhin das Recht, Verstaatlichung und staatliche Wirtschaftsplanung als Mittel des gesellschaftlichen Fortschritts einzusetzen.