Von Rolf Zundel

Die Sektstimmung, die nach dem 17. September bei den Freien Demokraten herrschte, hat nicht lange vorgehalten. Die kühlen Schachzüge Adenauers, den sie schon völlig geschlagen wähnten, hat sie schnell ernüchtert. Und mit dem Abklingen des Siegesrausches ist auch das Erb-Übel der Liberalen wieder zum Vorschein gekommen: die Uneinigkeit.

Es ist Erich Mende zwar gelungen, die Organisation zu straffen und die Partei nach außen hin als geschlossene Mannschaft erscheinen zu lassen, aber der glänzende Organisator der Partei ist nicht zugleich ihr geistiger Führer geworden. Wird die organisatorische Klammer, die er mühsam geschmiedet hat, auf die Dauer fest genug sein, um die Einheit der Partei zu bewahren?

In ihrer ganzen Geschichte sind die Liberalen immer von Spaltungen bedroht gewesen, weil sie entweder mit der Rechten oder mit der Linken Kompromisse schließen mußten, um Macht ausüben zu können. Spötter sagen daher, die Geschichte der Freien Demokraten sei eine Geschichte von Parteispaltungen, Aber die Liberalen des 19. Jahrhunderts – ob sie sich nun Republikaner, Nationalliberale, Altliberale, Freisinnige oder Fortschrittspartei nannten – sind von den Freien Demokraten doch recht verschieden.

Im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Liberalen eine Partei des Fortschritts, die der Idee des demokratischen Rechtsstaates gegen alle Widerstände zum Siege verhalf. Der klassische Liberalismus richtete sich gegen die Hemmnisse, die der Obrigkeitsstaat und die ständische Gesellschaft auf dem Wege des Fortschritts aufgerichtet hatten. Der "erneuerte" Liberalismus hingegen wendet sich gegen die Gefahren des Fortschrittes, gegen die Rationalisierung und Bürokratisierung des Lebens, gegen die Vermassung der Gesellschaft. Waren die Liberalen früher also die Partei des Fortschritts, so überwiegen heute schon deutlich die konservativen Elemente.

Jedenfalls haben sich jene Prinzipien, für die im 19. Jahrhundert die Liberalen gekämpft hatten, heute längst überall durchgesetzt. Der Sieg des Liberalismus – und hier gibt es manche Parallelen zum Triumph des Sozialismus – war so vollständig, daß heute manche Zweifler meinen, der Liberalismus existiere wohl noch als Lebensgefühl, als politische Grundhaltung, aber als politische Gruppe sei er zum Tode verurteilt. In der Tat kann heute keine politische Partei, die in der Bundesrepublik mit einiger Aussicht auf Erfolg arbeiten will, auf liberale und soziale Ideen in ihrem Programm verzichten. Liberale Politiker sind in der CDU und in der SPD ebenso zu finden wie in der FDP. Und die Carlo Schmid und Adolf Arndt, die Ludwig Erhard, August Dresbach und Eugen Gerstenmaier fehlen der FDP bitter.

Jene Zweifler, die der liberalen Partei düstere Prognosen gestellt haben, sind auch durch den Wahlerfolg nicht überzeugt worden. Ein Erfolg meisterlicher Taktik sei dies gewesen, meinen sie, vielleicht sogar ein Erfolg liberaler Ideen, aber nicht der Durchbruch der liberalen Partei. Wie unter Bismarck, wie in Weimar, so würden auch diesmal die Liberalen in der Koalition verbraucht, vielleicht sogar zerrieben werden.