In angeregtem Gespräch mit einem Passagier, von Zeit zu Zeit zur Kaffeetasse auf dem Armaturenbrett greifend, mit geringschätziger Aufmerksamkeit für die Straße – so meisterte der Fahrer des chromblitzenden Überlandbusses die steil abfallenden Serpentinen des Lovtschen-Massivs. Sollte es einem mit den Verhältnissen nicht vertrauten Touristen, bei dieser Gelegenheit einfallen, ängstlich die Augen zu schließen, würde er von einheimischen Mitreisenden sicherlich die beruhigende Zusicherung erhalten, der Fahrer sei Montenegriner...

Abenteuer dieser Art wird man in Kauf nehmen müssen, wenn man sich im Herbst zu einer Reise in den Sommer nach Budva an die montenegrinische Küste entschließt. Die zweistündige Autobusfahrt vom Flugplatz Titograd, am Skadar-See nahe an der albanischen Grenze vorbei, durch die alte Hauptstadt Montenegros, Cetinje, wird jedoch mit einer Überraschung belohnt. Das 1300jährige Budva, das von der Höhe des montenegrinischen Karsts wie ein in der zerklüfteten Küstenlandschaft verlorenes Spielzeug wirkt, bietet alle Annehmlichkeiten der Neuzeit: Ein von der Masse des Touristenstroms verschontes Grandhotel (Vollpension 13 bis 16 Mark), eines der schönsten an der gesamten jugoslawischen Adriaküste südöstlich von Dubrovnik.

Der Weg von der Neuzeit in die Vergangenheit ist in Budva nur fünfzig Schritte weit. Unmittelbar vor dem Hotel erheben sich mächtige römische Stadtmauern. Sie umschließen eine Miniatur-Stadt, in der die Zeit still zu stehen scheint. Kein. Motorenlärm stört die Ruhe, denn für ein Auto sind die niedrigen Stadttore einfach zu schmal. Lediglich das Freilichtkino vor der römischen Kaserne erinnert an die Gegenwart, in der viele Denkmäler von der langen Geschichte des Städtchens zeugen. Von den Griechen vor 1300 Jahren als Handelsstützpunkt gegründet, von den Römern mit starken Befestigungen versehen, war Budva zeitweilig sogar Mittelpunkt eines mittelalterlichen Zwergstaates.

Für Sonnenhungrige aus unseren Breiten ist jedoch vor allem von Interesse, daß sich hier der Sommer bis in die letzten Oktobertage hinein verlängern läßt. Dann reifen um Budva Granatäpfel und Orangen. Das Baden am hoteleigenen Sandstrand in der immer noch bis zu 25 Grad warmen Adria ist unter der heißen südlichen Sonne beinahe selbstverständlich, so selbstverständlich wie die mehrsprachige, schnelle Bedienung im Hotel und die der Jahreszeit angemessenen Pensionspreise.

Eine Reise nach Budva sollte auch mit einem Ausflug in den Orient ergänzt werden. Er beginnt wenige Kilometer südlich, in Barund Ulcinj. Das Bild dieser beiden Orte wird nicht mehr von Kirchtürmen, sondern von schlanken Minaretts bestimmt – ein Erbe der jahrhundertelangen Türkenherrschaft. Die letzten abendländischen Einflüsse verlieren sich in diesen beiden Städten in den engen Bazar-Vierteln.

Die Afrikaner, die man in Ulcinj bald entdeckt, sind keine Seeleute – es sind seit Jahrhunderten alteingesessene Bürger der Stadt: Sie sind die afrikanische Minderheit Jugoslawiens. Die Chronik weiß zu berichten, daß die Vorfahren dieser dunkelhäutigen Familien sich bei einem Sturm vor einer sinkenden türkischen Sklaven – Flottille retten konnten. Sie fanden sich in Ulcinj zu einer Gemeinde zusammen, die bis heute nicht assimiliert wurde.

Montenegros kriegerische Vergangenheit ist in den Tänzen und schwermütigen Liedern überliefert, aber auch in der Mentalität seiner Bewohner. Es ist noch nicht lange her, daß es für einen Montenegriner keineswegs zu den ehrenvollsten Aufgaben gehörte, einer Arbeit nachzugehen. Dies war einmal ausschließliche Aufgabe des weiblichen Geschlechts, während die Söhne und Väter dem Kriegshandwerk nachgingen oder sich mit Begeisterung dem Tanz und dem Gesang hingaben. Gelegenheit dazu fand sich immer auf den zahllosen Kriegsschauplätzen des Balkans. – el –