Von Walter Jens

Wieder einmal hat’s sich erwiesen, daß es gut ist, geduldig zu warten. Fünfzehn Jahre lang haben die Kritiker nun darüber gegrübelt, warum ausgerechnet das Thema der Themen, das Kardinal-Problem jedes deutschen Schriftstellers: die Teilung des Landes, nicht gestaltet worden sei.

Es gab Versuche, gewiß, höchst ehrenwerte Versuche, Gerhard Zwerenz’ Reportagen über das Leben in der DDR, handfest und grimmig, oder Gaisers redliche Verschlüsselungen (Graubünden als Marmorklippen-Modell des zerspalteten Deutschland), aber all diese Versuche zeigten doch nur die Existenz eines Problems, das weder durch realistische Wiedergabe noch durch vordergründigsymbolische Überhöhung, weder durch den Jargon der Straße noch durch pathetische Umschreibungen veranschaulicht und zum verbindlichen Gleichnis erhoben werden konnte. Das große Thema bedurfte eines großen Schriftstellers, und ich glaube, daß der Autor, der jetzt als erster das Kardinal-Problem auf der Ebene der Kunst analysiert hat, ein solcher Schriftsteller ist –

Uwe Johnson: „Das dritte Buch über Achim“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 337 S., 16,80 DM.

Die Fabel ist einfach: Ein Hamburger Journalist namens Karsch wird von einer alten Freundin, der Schauspielerin Karin, telephonisch zu einem Besuch eingeladen. Karsch macht sich auf den Weg, passiert die Grenze, lernt Karins Freund, den berühmten Radsportler Achim, kennen, beschließt, im Auftrag eines mitteldeutschen Verlags, ein Buch über den Nationalhelden zu schreiben, tut sich um, sammelt Material, macht Notizen, vergleicht und streicht aus, wird bedroht und gelobt, gerät unter die Räder, sieht mehr als er darf (was tat Achim am 17. Juni? wie verhielt sich Karin auf einer LPG-Versammlung? warum verweigerte sie die Unterschrift? und was hat Karsch mit all dem zu tun?), packt seine Koffer und kehrt nach Hamburg zurück.

Sein Buch, das dritte über Achim, ist nicht geschrieben worden; Karsch verfehlte jenes Ziel, das der Autor Johnson, eine mißlingende Beschreibung beschreibend, um so sicherer erreicht. In Karschens Schatten verborgen, einem imaginären Frager Kassiber zuschiebend, betrachtet er das Leben in der DDR, dieses in Achims flüchtigruhmreichem Radfahrer-Dasein gespiegelte Leben, mit den Augen eines Mannes, der von einem anderen Stern herunterschaut: Karsch in Leipzig (der Name fällt nicht) – das ist der Mondmensch im Bannkreis der Erde, das ist – ein bescheidener Vergleich – James Tienappel, der die Welt des „Zauberbergs“ betritt: höflich-selbstbewußt, dann achselzuckend und ein wenig verwirrt, später bedroht und endlich, von panischem Schrecken erfüllt, auf eiliger Flucht ins Flachland, nach Hamburg.

Nicht anders als dem „Zauberberg“-Gast wird auch dem Journalisten Karsch erst langsam bewußt, auf welches Abenteuer er sich eingelassen hat: Was zu Beginn noch, unverbindlich und privat, als 14-Tage-Tour erschien, wird bald – so sieht es jedenfalls der Leser – zu einer Auseinandersetzung auf Leben und Tod. Der Besuch führt zur Bekanntschaft mit einem Rennfahrer-Dasein, dessen Darstellung den Zeitungsmann aus Hamburg begeistert; die (immer noch harmlose) „darstellende Vorführung eines Lebens“; die Beschreibung dieses Lebens wiederum erweitert sich notgedrungen zur Analyse der Lage, in der sich ein abgetrennter Teil des einst vereinten Volkes befindet; die Art und Weise dieser Darstellung schließlich, die Manier, mit der Karsch aus Westdeutschland Achim aus Ostdeutschland beschreibt (und vom Autor bei dieser Beschreibung fixiert wird), läßt auf den Bewußtseinszustand des anderen Volksteiles schließen und macht deutlich, daß die vorzeiten Verbundenen sich heute offenbar am fremdesten sind.