„Mein Genick wurde schon vor Wochen von der Linkspresse unter Beschuß genommen“

Passau

Die Wetten, der Kapfinger-Prozeß werde platzen, standen am Montag vergangener Woche, 24 Stunden vor Beginn der Hauptverhandlung; fünf zu eins. Das Volk von Passau, begierig darauf, den mächtigsten Mann der Dreiflüssestadt vor Gericht zu sehen, war gleichwohl fest davon überzeugt, zu einer Verurteilung werde es nicht kommen, und wußte auch eine Begründung: Die Entlastungszeuge hatte sich in ein Krankenhaus begeben.

Am Dienstag erschien der Angeklagte pünktlich: Dr. Johann Evangelist Kapfinger, der sich selbst „Hans“ nennt, 58 Jahre alt, Verleger der „Passauer Neuen Presse“, Duzfreund einiger Bundesminister, beschuldigt eines Vergehens der Kuppelei. Die Strafkammer, vor der Kapfinger sich verantworten müßte, zeigte sich konziliant; es fehlte die übliche harte Armesünderbank, statt dessen standen zwei bequeme Lehnsessel, gepolstert und mit grünem Leder bezogen, vor dem Richtertisch.

In dem einen nahm Kapfinger Platz, der andere blieb leer. Die ursprüngliche Entlastungszeugin, während des Ermittlungsverfahrens zur Mitangeklagten avanciert, fehlte tatsächlich. Ärztliche Bescheinigungen, präsentiert vom Verteidiger, wiesen aus, sie sei verhandlungsunfähig.

Kollaps zur rechten Zeit

Der Kammervorsitzende, Landgerichtsdirektor Köppl, zeigte sich wenig beeindruckt: „Man ist seit Wochen bemüht, diesen Termin zu Fall zu bringen; ich habe eindeutige Beobachtungen gemacht“. Zu diesen Beobachtungen gehörte auch, daß die Mitangeklagte, Edith Berger am Freitag zuvor durchaus gesund gewesen war. Am Sonnabend legte sie sich dann in die Klinik. Das Gericht befragte den Amtsarzt und erließ nach dessen Bekundung, die Angeklagte sei sehr wohl verhandlungsfähig, einen Vorführungsbeschluß.