Von Marcel Reich-Ranicki

Der literarische Weg des Erich Maria Remarque beginnt mit dem größten Erfolg, der einem deutschen Schriftsteller in unserem Jahrhundert beschieden war: die Auflage des 1929 erschienenen Buches „Im Westen nichts Neues“ betrug innerhalb von nur achtzehn Monaten dreieinhalb Millionen Exemplare und hat inzwischen acht Millionen überschritten.

Nachdenklich stimmt der Umstand, daß diesem Erstling die Ehre zuteil wurde, von verschiedenen deutschen Staaten in überraschender Eintracht verfolgt zu werden. Bereits in der Weimarer Republik wurde der Film, dem das Buch zugrunde lag, verboten. Im „Dritten Reich“ figurierte der Name Remarque natürlich auf der ersten Liste der „verbrennungswürdigen“ Bücher. In der Deutschen Demokratischen Republik finden wir „Im Westen nichts Neues“ auf einer 1952 vom Zentralinstitut für das Bibliothekswesen bearbeiteten „Beispielliste zur Aussonderung unwissenschaftlicher Literatur“ an erster Stelle. Was schließlich die Bundesrepublik betrifft, so wären wir dem Verteidigungsministerium sehr dankbar, wenn es auf unsere Befürchtungen, das Kriegsbuch sei in den Bibliotheken der Bundeswehr strengstens verpönt, mit einem entrüsteten Protest reagieren möchte.

Jedenfalls ist diese Darstellung der Erlebnisse eines einfachen deutschen Soldaten im Ersten Weltkrieg leider noch heute von geradezu beängstigender Aktualität. Wie ernst auch die Einwände sein mögen, die gegen „Im Westen nichts Neues“ vom intellektuellen und künstlerischen Standpunkt erhoben werden müssen, so sicher kommt dem Buch, das Roman und Bericht zugleich ist, die Bedeutung eines außerordentlichen Zeitdokuments zu.

Der junge Remarque hat jedoch nicht nur die Erfahrungen und Gefühle von Millionen ausgedrückt, sondern auch mit erstaunlicher Geschicklichkeit den Geschmack der nicht eben wählerischen Durchschnittsleser berücksichtigt. „Im Westen nicht Neues“ enthält daher neben vortrefflich geschriebenen Fragmenten auch sehr schlechte Abschnitte und zeugt ebenso von ungewöhnlicher literarischer Begabung wie von provozierender Effekthascherei. Sowohl die Freunde als auch die Gegner des Buches konnten triftige Argumente vorbringen.

Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, daß die Einstellung zu diesem Erstling das Verhältnis vieler Rezensenten zu den späteren Romanen Remarques entscheidend gefärbt hat: Während ihm die einen immer noch für seinen großen Wurf dankbar sind, können ihm die anderen dieses Buch nicht verzeihen. Freilich macht er es jenen allzu leicht, die ihm schon vor vielen Jahren gezürnt haben.

Es wäre unsinnig, wollte man Remarque vorwerfen, ihm sei nie wieder ein auch nur annähernd so wichtiges Werk wie jenes umstrittene Kriegsbuch gelungen. Schließlich wurde es von den eigenen Jugenderlebnissen des Verfassers getragen, und abermalige Erlebnisse von ähnlicher Intensität blieben ihm wohl erspart: die literarischen Ergebnisse weisen nicht gerade auf zwingende oder zumindest gewichtige Impulse hin. Und daß sich mit diesem Autor weder eine intellektuelle noch eine sprachliche Kraft zu Worte gemeldet hatte, sondern eine mehr als beachtliche handwerkliche Begabung, konnte schon nach dem Erstling kaum bezweifelt werden.