Von Ulrich Walberer

Wer sich von Berufs wegen mit dem Theater auseinanderzusetzen hat, wird im Laufe seiner Zeit kaum daran vorbeikommen, beim Ihering, beim Kerr, beim Polgar nachzublättern. Neuerdings muß er einen Band mehr in Betracht ziehen –

Hans Weigel: „Tausend und eine Premiere Wiener Theater 1946–1961“; Wollzeilen Verlag, Wien; 280 S., 18,80 DM.

In Wien ist das Theater immer noch eine öffentliche Angelegenheit. Eine Handvoll renommierter Bühnen und die variierende Zahl von Keller- und Experimentiertheatern zeugen davon. In ebenfalls etwa einem Dutzend Tageszeitungen wird über die Theaterereignisse berichtet.

In diesem Wien, wo man so viel am Theater und seinen Begleiterscheinungen bis hin zum Kulissentratsch (oder ganz besonders daran) Anteil nimmt, schreibt Hans Weigel. In einer anderen Stadt wäre er kaum existenzfähig.

Die Theaterinteressierten sind neugierig auf alle Geschichterln über Leute, die irgend etwas mit dem Theater zu tun haben. Also registrierten sie mit Vergnügen die Haß-Freundschaft zwischen Torberg und Weigel, die von beiden in schöner Übereinstimmung mit dem Wort „ein Esel nennt den anderen Langohr“ gepflegt wird.

Ja, und dann erst die legendäre Ohrfeige, die die Dorsch dem Weigel applizierte. Davon zehrt er heute noch. Koketterweise findet sich das Urteil des Bezirksstrafgerichts Wien IM NAMEN DER REPUBLIK – die Dorsch wurde zu 500 Schilling Geldstrafe, „im Nichteinbringungsfall zu drei Tagen Arrest“ verurteilt – „statt einer biographischen Einleitung“ des Bandes. Und als Weigel unlängst einmal verreiste, witzelte ganz Wien darüber, daß er in seinem Stammcafé einen versiegelten Doppelumschlag mit seiner Ferienanschrift zurückließ, der nur bei irgend jemandes Gefahr an Leib und Leben zu öffnen sei.