Von Nina Grunenberg

Wir trafen uns am späten Vormittag in der Altwanderer-Herberge in Inzeloh, einem gepflegten, sehr sauberen Haus. Es war leer. Die Wanderer, die hier nicht länger verweilen dürfen, als man für Abendessen, Übernachtung und Frühstück braucht, waren längst in jene Landschaft ausgezogen, die als Juwel der norddeutschen Tiefebene gepriesen wird: die Lüneburger Heide. Nach einem kurzen Imbiß am sauber geschrubbten Holztisch sprach der Herr vom Verein der Naturschutzfreunde seinen Willkommensgruß, aber auch seine Ermahnungen: nämlich die Fleckchen Erde zu schützen, die mit viel Mühe und viel Geld vor den Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts bewahrt und zum Naturschutzgebiet erklärt worden sind. Er ließ seine Blicke über unsere Füße gleiten und sagte dann: „Die Heide hat drei Feinde: die Kutschwagenräder, die Pferdehufe und die Stöckelschuhe der Damen.“ Ich fühlte mich nicht betroffen: Noch am Tag vorher hatte ich mir ein Paar solide Wanderschuhe gekauft. Denn wer wollte wohl mit Stöckelschuhen durch die Heide spazieren? Es wäre schade um die Schuhe.

Am Getränkeschalter der Herberge in Undeloh, vier Kilometer weiter, wurde noch eine Stärkung angeboten: Buttermilch, Buchweizengrütze, Pfefferminztee und Schwarzbrot mit Käse. Dann wanderten wir los, vorbei an den Parkplätzen, die die Naturschutzfreunde hinter jungen Birken getarnt haben. Denn Undeloh ist Endstation für Autofahrer. Selbst andere Zeugen des technischen Zeitalters, wie Telephonmasten und sirrende Leitungsdrähte, waren nicht mehr zu sehen: Man hat sie unter die Erde versteckt. Dafür marschieren Wandererkolonnen in beiden Richtungen durch den hellen Sand. Touristen mit Heidesträußen in der Hand und dem Photoapparat um den Hals, Schuklassen mit dem Lehrer.

In der Mitte des Weges rollten die Kutschen an uns vorüber. Wie zu Großmutters Zeiten dürfen die Besucher der Heide, die nicht wandern wollen, in den Kremser steigen und sich für 7,50 Mark die Stunde durch die Heide rollen lassen. Die Naturschutzfreunde haben die ersten zwei Kutschwagen noch selbst angeschafft. Inzwischen gibt es jedoch fast hundert. Ihre Eigentümer – meist Heidebauern – verdienen damit ihr Geld leichter als auf dem eigenen Hof.

Auf einer Bank am Wegrand bot ein alter Mann farbenprächtige Ölgemälde in Lila, Grün und Himmelblau an. Wir mußten erst noch ein Stück weiter durch den Kiefernwald laufen, ehe sich die ersten Heideflächen links und rechts des Weges ausdehnten. An vielen Stellen waren Trampelpfade mit Drahtverhauen versperrt, damit das Heidekraut sich erst wieder erhole.

So lila freilich wie auf den Ölbildern des Kunstmalers war das Heidekraut am Ende seiner Blütezeit nicht. Die Herbstsonne beschien das stille sanft gewellte Land. Es schimmerte zart violett und braun. Hier und da standen dunkle Wacholderbüsche und stämmige, junge Birken in den kleinen Talmulden. Kein Geräusch unterbrach die Stille. Die Menschen, die um mich herumstanden und liefen und alle gekommen waren, um diese Stimmung zu genießen, störten sich gegenseitig nicht. Auch der Mann vom Naturschutzverein, der mit seinem spitzen Spazierstock auf der Jagd nach Papierschnitzeln war, verhielt sich still. Die Ruhe bezwingt auch den Geschäftigsten.

Der ein wenig altmodisch anmutende Reiz der Heide ist Balsam, selbst dann, wenn man nicht allein wandert. Attraktionen, Sehenswürdigkeiten, Überraschungen, nichts davon gibt es hier. Für Großstädter, denen der Arzt einen Erholungsurlaub ohne Anstrengung und Aufregung verordnet hat, ist die Heide der geeignete Ort. Hier können sie höchstens von einem Hasen erschreckt werden, der plötzlich über den Weg wetzt. Und vielleicht von der Einsamkeit.