Die Wissenschaft spielt immer mehr die Rolle eines Spions am Schlüsselloch.“ Dieser Satz der kürzlich in einem Artikel der amerikanischen Zeitschrift „Science“ stand, stammt nicht aus der Feder einer etwas esoterischen Dame, die ständig eine Handbreit über den Tatsachen schwebt; diesen bissigen Kommentar schrieb Amerikas führende Ethnologin Margaret Mead. Und die Professorin an der Columbia Universität wußte, wovon sie sprach, denn sie hat ihr Leben der Beobachtung von Menschen gewidmet, der Erforschung ihrer Sitten und Gewohnheiten und ihrer intimen Beziehungen.

Aber ihr ist es ein Greuel, wenn Psychologen und Soziologen – als harmlose Gesprächspartner getarnt – sich in das Vertrauen ihrer Mitmenschen einschleichen, mit versteckten Magnetophongeräten ihre Gespräche festhalten oder mit Fernsehkameras heimlich in ihr Privatleben eindringen. „Diese Lauschermethoden verletzen die Würde des Menschen.“ Zwischen Beobachter und Beobachtetem, so meint Margaret Mead, muß ein gegenseitiges Vertrauen herrschen.

Mit 24 Jahren hatte sich die frischgebackene Doktorin der Anthropologie aufgemacht, um an Ort und Stelle zu ergründen, wie ihre Jungmädchenzeit ausgesehen hätte, wäre sie nicht in einer wohlhabenden Gelehrtenfamilie in Philadelphia groß geworden, sondern auf einer kleinen Insel im südlichen Pazifik. Ihr Bericht „Coming of Age in Samoa“ erschien 1928 und wurce zum Bestseller.

Ein Jahr später zog Miß Mead wieder in entlegene Gebiete, lebte jahrelang unter primitiven Völkern in Neu Guinea, auf Bali, auf den Admiralitätsinseln und gewann dadurch einen liefen Einblick in die Lebensgewohnheiten, die kultischen Bräuche und die soziale Struktur dieser Gemeinwesen.

Aber nicht als Experte für die Lebensgewohnheiten primitiver Völker wurde die kleine rundliche Frau bei Kriegsausbruch ins Pentagon berufen. Von ihrem Lehrer Franz Boas hatte sie gelernt, die in den Exkursionen geschärften Forschungsmethoden auch auf die zivilisierten Völker anzuwenden. Ihre Studien über National-Charaktere bildeten die Grundlage zu einer neuen Dimension des Krieges – der psychologischen Kriegführung. Aus dieser Zeit stammt auch Margaret Meads kritische Untersuchung des amerikanischen Charakters „And Keep Your Powder Dry“.

Ein Ethnologe, der eine fremde Kultur beschreiben will, wird immer nur mit großen Schwierigkeiten Ideen, die in dieser Kultur ihre Wurzeln haben, in seine eigene Sprache übersetzen können. „Viel schwieriger aber ist es“, so meint Margaret Mead, „wenn man sein eigenes.Volk beschreiben soll mit Worten, die von Schriftstellern, Journalisten und Festrednern abgenutzt worden sind.“ Es liegt in der Natur der Ethnologie, wie sie die Boas-Schule der Kultur-Gestalt-Psychologie lehrt, daß sie mit den Worten der Umgangssprache ihre wissenschaftlichen Thesen formuliert. Und darin liegt ihre Stärke, denn dadurch wird sie zur angewandten Wissenschaft, deren Anwendungsbereich die lesende Öffentlichkeit und deren Anwendungszweck die Völkerverständigung ist.

Margaret Mead meistert diese Sprache vorzüglich. Ihre wissenschaftlichen Schriften werden vom Mann auf der Straße begierig gelesen und auch von vielen Gelehrten hochgeschätzt.