Berlin, Anfang Oktober

Ob Berlin einmal zur Heimat der Vereinten Nationen werden wird, wissen weder die großen noch die kleinen Götter auf dem politischen Olymp. Daß aber diese von Krisen schwergeprüfte Stadt immer noch ein Magnet – nicht nur für den Touristen – ist, beweist die überaus rege Teilnahme am „Europa-Kongreß Herrenhut“, dessen Veranstalter die ehemalige Kapitale als Treffpunkt zur Erledigung nur-politischen und anderer Probleme gewählt haben. Es handelt sich um eine Art internationaler Gipfelkonferenz, bei der erörtert wird, nicht etwa was der Mann im, sondern was er auf dem Kopf hat.

Ungeachtet der wohlgemeinten Warnungen, daß es doch riskant sei, auf einem Pulverfaß über Krempen, Kopfhöhe, Dellen und Kniffe über Band-Dekor, Federgestecke und Filznuancen der Herrenhüte 1962 zu diskutieren, eilten sie herbei aus Frankreich, England, Italien und anderen Hüte erzeugenden Ländern Europas: seriöse Männer, die zu Hause Familie haben, Arbeiter beschäftigen, Modetrends verfolgen und vor allem die Steigerung ihres Umsatzes nicht aus dem Auge verlieren. Wenn man auch heute in Düsseldorf, Paris und London auf der Straße schon wohlbehütete Herren sieht, und wenn dies – verglichen mit der hutlosen, derschrecklichen Zeit – ein erheblicher Fortschritt ist, so sind die europäischen Huterer noch lange nicht zufrieden.

In grauer Vorzeit, als Mitte der vierziger Jahre beim Hinüberwechseln aus der Uniform ins Zivil der Kopf ohne die ihm gebührende Krönung blieb, sah es um das Wohlergehen der „Woll- und Haarhut-Industrie“ nicht nur in Deutschland, sondern auch in den Nachbarstaaten traurig aus, und guter Rat war teuer, selbst wenn Hüte billig waren. Dann erinnerte sich ein findiger Kopf an die Binsenwahrheit, daß „Einigkeit stark macht“, und zog die entsprechenden Konsequenzen für seine „sterbende“ Branche: Mit dem Kampfruf „Huterer der europäischen Länder vereinigt euch“ wurde eine revolutionäre Ideologie auf die Beine gestellt. In Deutschland rief man dem Mann zu: „Übrigens – man geht nicht ohne Hut und in England hieß es: „With a hat – you get ahead...“ – Mit einem Hut auf dem Kopf kommst du weiter...

Praktisch von Natur und unternehmungslustig von Temperament ließen die Huterer es nicht bei farblosen Theorien bewenden. Man streckte de Fühler aus, man setzte sich mit den Kollegen in Ausland in Verbindung, man tauschte Erfahrungen und Beobachtungen und kam zu dem Ergebnis, daß auch der schönste Hut unverkauft bleibt, wenn man ihn nicht an die große Glocke hängte. Und da dieses Instrument in unserer Zeit von „unsichtbaren Verführern“ geläutet wird, griff man zu bewährten Propagandamethoden, ohne die heutzutage weder ein Politiker noch ein „Pop“-Sänger, weder ein Couturier noch ein Chapelier etwas erreichen kann.

Dies war ein Punkt, über den Einstimmigkeit ohne weitere Umstände erzielt wurde. Mit der wohlklingenden, wenn auch etwas langen Bezeichnung Comité pour le Rayonnement de l’Elegana Française ward in Paris ein Amt ins Leben gerufen, das neben anderen modischen Dingen den Hut des Mannes unter seine Fittiche nahm. Nicht weniger ernsthaft ging die Arbeitsgemeinschaft Hut an die Aufgabe, deutsche Männerköpfe vor Blößen zu bewahren, und – last not least – schwamm das Hatters’ Information Centre in London enthusiastisch mit der „neuen Welle“. Sich auf City- und Klubtraditionen stützend, entstaubte es den grauen Zylinderhut, den ehrwürdigen Bowler und soga die Sherlock-Holmes-Mütze und ließ sie nebst neumodischen Robins und Deltas von der Propagandasonne anstrahlen.

Ob es die schlagkräftigen Slogans, die wirksamen Werbeplakate, die gut dekorierten Schaufenster oder die überall preisend mit viel schönen Reden dekorierten „Hut-Stilparaden“ waren, die den Hut aus dem Laden des Herrenausstatters auf den Kopf des Mannes lockten, oder ob sich vielleicht das Karussell der Mode wieder einmal so weit gedreht hatte, daß der Hut an die Reihe kam – diese tiefgründigen Probleme kann nur ein Psychoanalytiker lösen, der sich mit der Erforschung der Mentalität des „Woll- und Haarhut-Sektors“ und seiner Vertreter befaßt. Schließlich hat es Herrenhüte immer gegeben, selbst zu Zeiten, wo der Werbefachmann mit der systematischen Bearbeitung des maskulinen Unterbewußtseins noch nicht so gründlich vorging wie heute. Bei der Betrachtung einer griechischen Vase aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. wird es klar, daß Perseus bei seiner täglichen Beschäftigung im Kampf mit Ungeheuern aller Art sich ohne Melone und Aktentasche nicht wohl fühlte. Jedenfalls ist es vom Helm griechischer Helden über die Angströhre und die Butterblume bis zum Kometen unserer Tage nur ein sehr kleiner Schritt, gemessen am gewaltigen technischen Fortschritt, der wie ein Damoklesschwert über unseren mit neuesten „Kometen“ behüteten Häuptern hängt...Katharina Elisabeth Russell