Sowjets und Amerikaner ringen um eine Berlin-Lösung

Washington, Anfang Oktober

Vorsichtiger Optimismus“ – so lautet die Bewertung der derzeitigen Ost-West-Verhandlungen in New York und Washington. Die drei Begegnungen Rusk–Gromyko und die zwei kürzeren Lord Home–Gromyko verliefen in einer Atmosphäre sachlichen Abwägens und Abtastens. Alle Seiten bewahren zwar ein für amerikanische Verhältnisse ungewöhnliches Stillschweigen. Schon die Tatsache jedoch, daß Präsident Kennedy den sowjetischen Außenminister empfing, deutet auf Fortschritte in den Ministergesprächen hin.

In New York war es bereits offensichtlich, daß die Russen substantiell verhandeln wollten, als in der Begleitung Gromykos der stellvertretende sowjetische Außenminister Semjonow erschien. Semjonow ist sicherlich der beste Deutschland-Fachmann im Kreml. Wie kein anderer Russe kennt er, der 1945 politischer Berater Marschall Schukows war und später Hochkommissar und erster Sowjetbotschafter in Deutschland, die Berlin-Frage. Wahrscheinlich werden wir Semjonow in allen kommenden Deutschlandverhandlungen an der Seite Gromykos oder Chruschtschows finden.

Eine Vorschau auf die vermutliche Abfolge solcher Verhandlungen wird vom Datum des Kongresses der Kommunistischen Partei der Sowjetunion ausgehen müssen. Gromyko kehrt wahrscheinlich zu Beginn der nächsten Woche nacht Moskau zurück. Vielleicht nimmt er eine Botschaft Präsident Kennedys an Ministerpräsident Chruschtschow mit und einen Vorschlag über Zeitpunkt und Art der nächsten Ost-West-Begegnung. Beides wird wohl im Hinblick auf propagandistische Brauchbarkeit für Chruschtschow vor dem Parteikongreß abgefaßt sein.

Berlin ist – so wie Chruschtschow das schon seit den Besprechungen mit Eisenhower im Camp David bevorzugt – Gegenstand zweiseitiger Kompromißerörterungen. Die Engländer haben diese Praxis zuerst empfohlen und assistieren den Amerikanern jetzt bereitwillig. Die Franzosen spielen nicht mit. Die Haltung der Bundesrepublik Deutschland ist noch nicht klar.

Vierer- oder Sechserverhandlungen (die Großmächte plus Bonn und Ostberlin) können bei dieser Konstellation weder Washington noch Moskau anstreben. So wird es wahrscheinlich eine Fortsetzung des amerikanisch-sowjetischen Zwiegesprächs im November und Dezember geben. Nach weiteren diplomatischen Vorbereitungen auf Minister- und auch Botschafterebene könnte Chruschtschow womöglich abermals die persönliche Begegnung mit Kennedy suchen – und zwar ehe er mit Ulbricht jenen Friedensvertrag schließt, der nur als Hebel dienen kann, wenn er nicht existiert.