Die Bonner Fraktionen holten sich neue Männer aus der Landespolitik, Wirtschaft und Justiz

Punkt 15 Uhr, am 17. Oktober, wird der Bundestagspräsident die erste Sitzung des neuen Bonner Parlaments einläuten. Er wird nicht nur die „alten Hasen“ unter den 499 Abgeordneten begrüßen, sondern auch 133 Neulinge. Die CDU/CSU schickt 48, die SPD 57 und die FDP 28 neue Abgeordnete ins Parlament. Fünf dieser „Neulinge“ stellen wir auf dieser Seite vor: von der CDU den früheren Generalbundesanwalt Max Güde und den Sohn des verstorbenen Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen, Gottfried Arnold, von der SPD den ehemaligen bayerischen Regierungschef Wilhelm Hoegner und den Finanzexperten Alex Möller, von der FDP Wilhelm A. Menne, Vorstand der Farbwerke Hoechst.

Wilhelm Hoegner ist der Prototyp einer mittlerweile fast ausgestorbenen Generation bayerischer Uralt-Sozialdemokraten: Unbedingt redlich im privaten- und im politischen Leben; sparsam, aber nicht ohne Sinn für Repräsentanz; erfüllt von Verehrung fürs Wittelsbacher Haus; von bestrickender Liebenswürdigkeit, wenn er auf Gleichgesinnte trifft, besonders im Umgang mit Kennern bajuwarischer Historie und Histörchen; aber cholerisch bis zu bestürzenden Wutausbrüchen, wenn sich in ihm der Verdacht zu regen beginnt, es würden in Bonn Anstalten getroffen, den Föderalismus zu „schänden“, oder wenn er völlig unbedeutende (weil untypische) Vorfälle dahingehend interpretiert, es erhebe „der Nationalsozialismus wieder sein Haupt“.

Hoegner arbeitete sich, Sohn eines kleinen Eisenbahners, mit unbeirrbarem Fleiß und schier beispielloser Zähigkeit hoch. Seine glänzende juristische und politische Karriere wurde 1933 unterbrochen; er emigrierte in die Schweiz, wo er nach seinen eigenen Worten erkannte, „daß Maßhalten und Kompromißbereitschaft in der Politik notwendig“ seien. In diesem Sinne wirkte er ab 1945 in München, immer in bedeutenden Positionen, bis er Ende 1954 eine „Anti-CSU-Regierung“ bildete.

Diese Ministerpräsidentschaft war die Krönung seines Lebens, das stets in erster Linie seiner bayerischen Heimat, erst dann der Partei gewidmet war. Nach der Bundestagswahl von 1957 wurde sein Kabinett gestürzt, ein Ereignis, das er nie ganz verwunden hat. Zu einer gewissen Einseitigkeit – da er alles unter bayerischen Aspekten beobachtet und wertet –, gesellte sich nun Verbitterung; auch machte ihm seine Gesundheit Sorgen. Die immensen politischen Erfahrungen des 74jährigen, seine Leidenschaft für Recht und Gerechtigkeit, seine klaren, abgewogenen Formulierungen, sein vorbildliches Pflichtgefühl sollen nun, so wünscht es die bayerische SPD, der Fraktion im Bundestag zugute kommen.

Im Geiste seines Vaters

Aus der Arbeit meines Vaters habe ich das gelernt, was ich als das erste Prinzip meiner zukünftigen politischen Aufgaben ansehe: Wirkliche Politik ist nur aus einem ganz persönlichen Einsatz heraus zu gestalten, der auch das Opfer nicht scheut.“ Das schreibt Dr. Gottfried Arnold, der am 17. September für den Wahlkreis 78 in den Bundestag. gewählt wurde. Weiter schreibt der junge Arnold: „Aufrichtigkeit gegenüber jedermann. Ich weiß, dies ist nicht immer leicht. Ich bekenne mich aber zu dieser Tugend, weil ich glaube, daß sie die Voraussetzung für jede ersprießliche Arbeit ist.“