Es ist heute weit verbreitet, alle Dinge unseres Daseins mit ein wenig Sex hochzukitzeln, besonders, wenn sie verkauft werden sollen. Nur das Phänomen der Unfallzahlen im Straßenverkehr, dem man mit allen möglichen Mitteln nachgeht – mit Statistiken und Ursachenforschung, Psychologie und der Neigung, neue (und keineswegs klügere) Strafgesetze zu finden und zu erlassen –, dieses Problem der Verkehrssicherheit ist mit Sex noch nicht in Zusammenhang gebracht worden.

Daß aber Sex etwas mit dem Straßenverkehr zu tun hat, wird niemand leugnen. Ich meine damit nicht die jungen Pärchen, denen das Automobil – nach amerikanischem Muster, wenn auch nicht mit den gleichen Raumverhältnissen – zum allzu „trauten Heim“ für ihre abendlichen Ausflüge geworden ist. Die Abkehr vom Kleinwagen, die wir insbesondere in der Bundesrepublik beobachten können, muß damit nicht unbedingt in Zusammenhang stehen. Ich meine auch nicht die Eitelkeit, die mit dem Besitz eines Automobils oder dem Kauf des allerneuesten Modells eines rassigen Sportwagens befriedigt ist, obwohl Eitelkeit sicherlich in ihren Tiefen im Sex wurzelt. Ich denke dabei vielmehr an eine Tatsache, die jeder, der offenen Auges über Straßen und Autobahnen rollt, selbst beobachten kann! Junge Leute fahren, wenn ein hübsches Mädchen bei ihnen sitzt, schneller, gewagter, angeberischer, als sie es tun, wenn sie allein fahren. Sie wollen zeigen, was sie können und wie souverän sie mit ihrem Automobil (das oft das Automobil ihres Vaters ist) umzugehen verstehen.

Wie viele Unfälle jedoch auf diese Erscheinung zurückzuführen sind, zeigt noch keine Statistik an. Ich kenne einen jungen Schauspieler, der einen schweren Verkehrsunfall verursachte, obgleich er nur zwei Glas Wein getrunken hatte. Neben ihm aber saß ein bildhübsches junges Mädchen, das er an diesem Abend erst kennengelernt hatte ... „Ich war wie betrunken“, gab er hinterher zu.

Durchaus bekannt ist auch die merkwürdige Erscheinung des sogenannten „Kavalierstarts“. Menschen, die sonst besonnene Fahrer sind und sich lieber dreimal herumdrehen und sich vergewissern, daß die Straße hinter ihnen frei ist, ehe sie aus einer Parklücke herausfahren, brausen mit Vollgas ab, wenn ein hübsches, langbeiniges Mädchen zufällig am Straßenrand steht und bereit ist, dem „Herrenfahrer“ einen Blick zu schenken. Nicht nur junge Männer unterliegen dieser suggestiven Wirkung. Auch dieser „Kavalierstart“ hat schon so manchen Unfall verursacht. Er ist, wie Fachleute sagen, „unfallträchtig“, aber es gibt keine Statistik, die die hübschen Beine eines jungen Mädchens als Unfallursache benennt.

Noch eine Erscheinung, die vielleicht sogar in noch höherem Maße „unfallträchtig“ ist,muß hier genannt werden. Ein Verkehrs-Psychologe stellte kürzlich die These auf, daß Verkehrsrowdies von der Veranlagung her nicht unbedingt kriminell sein müssen. Nach seinen Untersuchungen benehmen sich begnadigte Schwerverbrecher im Straßenverkehr als Autofahrer beispielhaft vorsichtig und diszipliniert. Dagegen nannte er als Beispiel zwei Universitätsprofessoren, deren Höflichkeit und Liebenswürdigkeit im sonstigen Leben außer jedem Zweifel, steht, die jedoch beinahe ständig schuldhaft verursachte Verkehrsunfälle auf ihr Konto buchen müssen. Ich will der Wissenschaft nicht vorgreifen, aber ich glaube die Antwort. zu wissen. Ich wette, daß diese Professoren keine gute Ehe führen. Diese Ehe kann nach außen hin durchaus harmonisch sein, es ist sogar denkbar, daß es eine Ehe ist, die „reibungslos“ verläuft. Sehr wahrscheinlich aber haben die beiden Herren Professoren zu Hause kein Wort zu sagen.

In viel zu vielen Ehen ist der Mann heute nicht der Überlegene. Viele Gründe können die Ursache sein: Geistige Überlegenheit der Frau, zänkisches Wesen, vor dem der Mann sich schließlich duckt, Unmännlichkeit des Mannes. Am schlimmsten ist es, wenn nicht nur die seelische oder geistige, sondern auch die körperliche Harmonie gestört ist. Ohne mich in die psychoanalytische Tiefenforschung zu verlieren, möchte ich hier die weitere Feststellung anschließen, daß Ehemänner, deren männliches Selbstbewußtsein einen Knacks hat, ebenso schlechte oder schlechtere Autofahrer sind als die mit dem übersteigerten Selbstbewußtsein. Auch sie fahren „unfallträchtig“.

Ich habe zwei Beispiele beobachtet: Zwei Ehemänner, deren Frauen zu Hause das Regiment führten, fuhren, wenn ihre Frauen nicht mit im Wagen saßen, wie halbstarke Verkehrsrowdies. Hart gegen den Wagen, rücksichtslos gegen die übrigen Verkehrsteilnehmer, brutal auf vermeintlichen Vorrechten bestehend, passionierte Linksfahren auf der Autobahn, mit dem Gedanken: Jetzt fahre ICH hier, die anderen können warten! Das ganze im Ehealltag zerstörte männliche Selbstbewußtsein wird überkompensiert zu einer geradezu erschreckenden Selbstüberheblichkeit, und nichts bietet sich hierfür besser an als gerade das Automobil, das ja – die psychologische Erklärung für den Automobilismus überhaupt – unsere menschliche Potenz hinsichtlich Zeit, Raum, Geschwindigkeit und – Reputation mit soundsoviel Pferdestärken vergrößert, verstärkt, in sonst unerreichbare Höhen erhebt.