Ulbrichts Mobilmachung in der Zone: Wehrpflicht ohne Wehrdienstgesetz

Die DDR mobilisiert. Ulbricht hat die Mobilmachung proklamiert, und er wendet sich dabei vor allem an die FDJ, den FDGB, den Demokratischen Frauenbund, die Betriebskampfgruppen, die Gesellschaft für Sport und Technik und den Deutschen Turner- und Sportbund. Es ist eine Mobilmachung ohne Wehrdienst, ein freiwilliger Aufbruch der Nation also, bei dem die Freiwilligkeit, der Aufbruch und die Nation erst geschaffen werden sollen.

„Mobilmachung für den Frieden“ nennt Ulbricht das Unternehmen, das die FDJ als ihren „Kampfauftrag für die deutsche Jugend“ auffaßt. In einer feierlichen Proklamation bezeichnete es der Zentralrat des kommunistischen Jugendverbandes „als die höchste Ehre für jeden jungen Bürger unserer Republik, zum Schutz des Friedens und der sozialistischen Errungenschaften auf Wacht zu ziehen“. Das Ziel ist, sämtliche Jugendliche von 18 bis 23 Jahren zu einer Bereitschaftserklärung zum Eintritt in die „bewaffneten Organe“ zu veranlassen. Es gibt etwa 500 000 Jugendliche in diesem Alter. 185 000 Bereitschaftserklärungen hatte die Organisation in der letzten Woche schon gesammelt, und drei FDJ-Regimenter zogen bereits in die Kasernen.

Wolfgang ist „dufte“

Die Zeitungen, vor allem die Junge Welt, das Organ des Zentralrats der FDJ, bringen täglich Berichte von den Erfolgen des Kampfauftrags. „Das Vaterland ruft – schützt die sozialistische Republik“: Das ist die neueste Parole für die mitteldeutsche Jugend. Wer ihr folgt, wird in der Zeitung mit Namen genannt. Von ihm steht im Blatt, er sei „dufte“. Von Wolfgang Dönitz beispielsweise, 18 Jahre alt, Warenherausgeber, und Kandidat der FDJ, heißt es, „was Wolfgang anpackt, hat Hand und Fuß, er weiß, was er will“. Wolfgang aber sagt: „Vor allem finde ich es großartig, daß man uns junge Menschen von der Partei und der Regierung so großes Vertrauen schenkt.“ Er geht zur Volkspolizei: „Jetzt, zu diesem Zeitpunkt ist mir besonders klar, daß unsere sozialistische Republik vor jedem Angriff der Militaristen geschützt werden muß.“ Eigentlich wollte er Industriekaufmann werden und die Abendschule besuchen: „Aber der Dienst in der Volkspolizei ist jetzt wichtiger für mich. Die Abendschule läuft mir nicht fort. Erst muß der Friede gesichert sein.“

Im September lagen die Freiwilligen schon im Lager und wetteiferten miteinander um den Titel „Beste Gruppe“ oder „Bester Zug“, „Vorbildlicher Soldat“ und „Vorbildlicher Unteroffizier“. Dieter Sattler, der im Lager seinen Grenzpolizisten steht, hatte, wie er sagte, den Kampfauftrag beim Frühstück gelesen und sich sogleich gemeldet. Erst machte ihm seine Frau Schwierigkeiten: „Meine Frau wollte nicht, weil wir gerade geheiratet hatten.“ Aber Dieter hat sie dann doch überzeugt, „daß es notwendig ist, jetzt die bewaffneten Kräfte zu stärken“. Jürgen Paroli, der sich auch sofort meldete, hatte keinen Kummer mit seiner Frau, aber Sorgen wegen seiner Arbeit – er ist gesellschaftsbewußt. „Aber meine Kumpel vom Bau haben mir beim Abschied gesagt, daß sie für mich einspringen.“ Ihm gefällt es „prima“ bei der Grenzpolizei. Stiefel und Helm drücken zwar noch etwas, aber das ist für Jürgen nicht wichtig. „Wichtig ist, daß ich bald auf einem Grenzkommando sein kann, um mitzuhelfen, unsere Grenzen zu schützen.“

Wie wunderschön es ist, die Grenzen zu schützen, zeigt ein Bild in der „Jungen Welt“: Der Grenzer liegt im hohen Sommergras, das Antlitz ernst, den Feldstecher in der Hand. Daneben liegt ebenso wachthabend ein Wolfshund mit gespitzten Ohren. Unter dem Bild steht: Auf Wacht an der Grenze.