Hygieniker und Architekten im Widerstreit

Wer am Bauen von heute manches auszusetzen hat – und es gibt solche Käuze, die es vorziehen, im geschlossenen Raum zu leben anstatt im Schaufenster; die es durchaus unfeierlich finden, im Theaterfoyer wie in einem Aquarium vor gaffenden Straßenpassanten Parade zugehen und zu stehen –, wem manches an der modernen Architektur nicht einleuchten will, der konnte bei – der Münchener Tagung des „Vereins deutscher Ingenieure“, „Haustechnik und das Heim von morgen seine grimmige Freude haben an den Ausführungen des Raumhygienikers Professor Dr.-Ing. F. Roedler aus Berlin. Denn dieser Experte, der es wissen muß, plädierte dafür, diejenigen Architekten wegen fahrlässiger Körperverletzung zur Verantwortung zu ziehen, die Außenwände in Glas auflösen. Ferner polemisierte er gegen die aufgelockerte Bauweise und trat für den alten Frontbau zur Straße ein.

Hinterzimmer ohne Lärm

Warum dies beides? Weil, so sagte Roedler, zuviel Fensterfläche bedeutende hygienische und wärmetechnische Nachteile habe (die nicht durch technische Hilfsmittel auszugleichen seien) und weil beim alten Frontbau wenigstens die Hinterzimmer vor Straßenlärm geschützt seien. Es war noch mehr, das in gleichem Sinne kritisiert wurde, in jeder Einzelheit mit starken Argumenten, auch Zahlenargumenten für solche Leute, die nur noch an Zahlen glauben.

Zwar hatte ein Architekt gesprochen, Dipl.-Ing. H. Stolper aus Tegernsee. Er vertrat die radikale Meinung, das Wesen des modernen Wohnungsbaus liege nicht in der Form, sondern in der Installation. Was wohl so zu verstehen war, daß der Haustechnik heute hervorragende Berücksichtigung gebühre, nicht zuletzt zugunsten der Hausfrau, da „der volkswirtschaftliche Wert der Hausfrauenarbeit den Produktionswert der gewerblichen Wirtschaft bedeutend übersteige“. Um immer möglichen Ergänzungen der haustechnischen Erfindungen gewachsen zu sein, sollten in jedem Neubau vorsorgliche Leerleitungen eingebaut werden.

Den quantitativen Anforderungen des modernen Wohnungsbaus könnte nach Ansicht dieses Referenz ten am besten, durch Verfertigung von Baukastenteilen, nicht von ganzen Häusern,’ entsprochen werden, damit für eine individuelle Verwendung der typisierten Elemente Spielraum bleibe. Was der Architekt des weiteren, zu Spezialfragen wie Raumtemperatur, Luftfeuchtigkeit, Art und Anlage der Heizung, Beseitigung von Hausmüll und so weiter vortrug, das wurde wenig später Punkt für Punkt das Opfer ziemlich gründlicher Berichtigungen des Raumhygienikers. Der zog auch gegen die Wohnküche vom Leder und gegen Bad und WC ohne Fensterlüftung, sofern diese Gepflogenheiten nicht etwa nur als Notlösungen einer baldigen Vergangenheit betrachtet, sondern als billige Patentlösung gen auch in eine bessere Zukunft hinübergenommen werden sollten. Immer wieder hob dieser Sachkenner hervor, daß alle technischen Apparaturen; die schädlichen Auswirkungen unvernünftiger, unüberlegter und unzulänglicher Bauweisen und Raumeinteilungen nicht zu kompensieren vermöchten.

Gerade in diesem Zusammenhange scheint es von Belang, was auch derSpezialreferent für den Schallschutz im Wohnungsbau (mit besonderer Berücksichtigung der bautechnischen Anlagen) immer wieder feststellen mußte: Die besten bautechnischen Maßnahmen zur Sicherung der „Sollkurve“ in der Lärmdämpfung blieben wirkungslos, wenn nicht die wechselseitige Rücksichtnahme und entsprechende Hausordnungen das Entscheidende leisteten. Hier gipfelten die wiederum äußerst präzisen Untersuchungen und Darlegungen über die modernen Schallschutzmöglichkeiten in dem Satze, daß zuerst und zuletzt alles von der Gestaltung des Grundrisses abhänge. Die Raumeinteilung so zu treffen, daß ein Minimum von Lärmstörungseffekten gegeben sei, das eben sei die Aufgabe des Architekten.