Den Pfad am Wasser haben Gott und die Welt vergessen. Man braucht ihn nicht mehr, um Kähne, die den Bauch voll schwerer Ladung haben, den Rhein entlangzuziehen, und ganz gewiß benutzt man ihn nicht mehr zum Spazierengehen. „Kein öffentlicher Weg! Benutzung auf eigene Gefahr!“ warnt die Obrigkeit auf einem verwitterten Schild. Kaum fünfzig Meter entfernt aber leben die Menschen gefährlich: Da donnert, tauscht, knattert, ächzt alles vorbei, was Räder hat – wie am Fädchen gezogen die benzingetriebenen Gehäuse der Ausflugssüchtigen – und gleich daneben, nur eine halbe Etage tiefer, auf den Stahlstrippen der Gleise die angsterregend eiligen Blitzzüge. Der Lärm fängt sich grollend an den Uferhängen, auf denen stolze Burgen thronen. Und der Pfad da unten modert vor sich hin.

Übelriechende Gewässer plätschern munter von irgendwoher in die offenen Arme von Vater Rhein. Das Ufergebüsch ist struppig und unfreundlich; keine Blume ist zu sehen, aber hier lugt eine Konservenbüchse hervor und dort eine Bierflasche; und ein Stückchen weiter hat einer dauernd „Ernte 23“ geraucht. An durcheinandergewürfeltem Steingeröll lecken die braunen Wogen von Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze. Sie haben Treibholz angespült, einen geborstenen Rettungsring („Frimar, Lorch“) und einen Damenschuh von ungeheuerlicher Häßlichkeit, Größe 43, vorne stumpf und breit, aber der Absatz steil, und schlank, als hätte er Miß Germany über einen Laufsteg getragen.

Wer mag dieses Ungeheuer von Schuh benutzt haben? Eine derbe holländische Schiffersfrau? Eine Winzerin, oben und unten breit, aber in der Mitte schlank und vor allem so fröhlich im Herzen?

Auch ist ein Fisch da, groß und stattlich, silbern schimmernd, so wie ihn sich der Angler am Rhein wünscht. Tot – er muß sich am Rhein vergiftet haben – liegt er auf dem grauen Uferkies.

Eine rotlackierte Sitzbank kündet plötzlich von der Zivilisation: Laß dich nieder, seltener Wanderer, der du den Treidelpfad gehst (warum eigentlich?), und lausche, wie über dir, auf dem moosüberwucherten, steil emporragenden Bahndamm die Weichen automatisch gestellt werden – klick, klack, gleich wird ein Zug Erster Klasse über dich hinwegrasen und am Fenster des Speisewagens wird ein dicker Herr sitzen, ein Weinglas in der Hand, Prost dem Rhein mit deutschem Wein! Hier aber liegen, ohne Zeugnis abzulegen, ein Rettungsring, ein Damenschuh und ein toter Fisch.

Abends hüllt sich der Treidelpfad in mildes Dunkel, der Rückweg ist beschwerlich, man wandelt nicht mehr dahin, man stolpert. Drüben reihen sich die Lichter der kleinen Weindörfer lustig aneinander; in einem wird bengalisches Feuer abgebrannt, rot, blau, grün, aber mit Maßen; denn es ist bloß ein Weinfest. Winzerfest war vorigen Sonntag, auf diesem Ufer. Winzerfest wird nächsten Sonntag sein, drüben; und Weinfest dann wieder hier. Die Rheinufer prosten sich unermüdlich zu.

Nun hat sich die Uferstraße illuminiert, köstlich, wie die endlose Lichterkette dahinschleicht, Richtung Köln, Dortmund, Düsseldorf, Stoßstange an Stoßstange die heimkehrenden Bundesbürger, vorn zwei glühende Augen, hinten zwei rote Pünktchen, eine Festbeleuchtung im Schrittempo. Die gleißenden Würmer der Züge schießen hochmütig vorbei, Schiene bleibt Schiene; und ein Rheindampfer, auf dem sie schunkeln, überholt all die angestauten PS.

Auf knapp hundert Meter Breite drängt sich alles zusammen, was da im Rheintal nach Hause strebt – nach einem, ach, so köstlichen Sonntag in Benzin- und Weindämpfen. Links davon aber liegt grüne Wildnis, von keinem betreten, und Rehe lugen aus dem Gebüsch. Und unten, am Treidelpfad, ist ein Fisch gestorben: an dieser Welt, in der Fische genauso schlecht atmen können wie Menschen. Walter Gong