Von Hans Gresmann

Den amerikanischen Senator, der in diesen Tagen der Bundeshauptstadt am Rhein einen Besuch abstattet – Hubert Humphrey – zeichnen vor allem zwei Dinge aus: Er ist sehr liebenswürdig und er ist sehr unbequem, Seine Gegner sagen von ihm, er sei ein wenig zu redselig, wobei siedurchblicken lassen, daß sie eigentlich „geschwätzig“ meinen. Seine Freunde dagegen sagen, er sei einer der begabtesten, besten Redner der heutigen Politikergeneration in USA und er wisse immer sehr genau, wovon er spreche. Beide aber, Freunde und Gegner, sind sich einig darin, daß der Senator aus dem mittelwestlichen Bauernstaat Minnesota einer der farbigsten, temperamentvollsten und ganz gewiß einer der am besten informierten Politiker am Potomac ist.

Gerade drei Jahfe ist es her, daß dieser Mann, den vorher außer seinen Wählern zu Hause und seinen Kollegen in Washington niemand so recht gekannt hatte, jäh in die Scheinwerfer der Publicity geriet. Humphrey war nach Moskau gefahren, hatte ein ausführliches, offenes Gespräch mit Chruschtschow – und gab sich, zurückgekehrt nach Washington, wie ein Außenminister, der eine wichtige Mission erfolgreich und zum Nutzen seines Landes abgeschlossen hatte. Dabei stört es ihn auch kein bißchen, daß spitze Zungen sogleich behaupteten, das Gespräch habe nur deshalb so lange gedauert, nämlich acht Stunden, weil Chruschtschow immer wieder versucht habe, wenigstens eine Frage an den Gast aus Amerika zu stellen. Und es störte ihn ebensowenig, daß dieser Moskauer Dialog eben nur ein Meinungsaustausch blieb und kein politisches Ergebnis brachte.

Wichtig für ihn war allein, daß die großen Zeitungen im Lande – republikanisch in ihren Neigungen eher denn demokratisch – den Senator Humphrey nun zur Kenntnis nehmen mußten, jenen Senator also, der sich nach einer erfolgreichen, wenn auch nicht gerade steilen politischen Karriere damals eben auf den Wettstreit um den Platz am Präsidentenschreibtisch im Weißen Haus rüstete.

Ein Kandidat, unbekannt bisher und nun auf einmal mit guten Chancen für das höchste Amt im Staat – wer war dieser Mann? Die Leute in der Neuen Welt begannen sich für die Biographie des Senators zu interessieren, und als sie die Einzelheiten erfuhren, nickten sie wohlwollend mit dem Kopf: ein klarer gerader, ein sehr amerikanischer Lebensweg.

Es war auf der Schule, wo Hubert Horatio Humphrey, der vor einem halben Jahrhundert in dem kleinen Ort Wallace im Staate South Dakota geboren wurde, von sich reden machte: Er bekam einen Preis als bester Redner. Das Studium mußte er wegen der Wirtschaftskrise abbrechen, ging ins väterliche Geschäft als Drogist, entdeckte. 1935 während einer Urlaubsreise nach Washington seine politische Leidenschaft – die ihn von nun an nicht mehr losließ. Nach dem Abschluß des Studiums der politischen Wissenschaften stürzte er sich in die politische Praxis.

Humphrey schloß sich den Demokraten an, arbeitete sich in der Partei hoch und saß schon 1944 im Washingtoner Hauptquartier, wo er den letzten Wahlkampf Roosevelts organisieren half. Nach einem Zwischenspiel als Bürgermeister von Minneapolis zog er 1949 als der erste demokratische Senator, der je in Minnesota gewählt wurde, in den 81. Kongreß ein.