Paris, Anfang Oktober

Womöglich wird sich die Fünfte Republik unter de Gaulle in der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit einem viel bescheideneren Platz begnügen müssen, als der General es erwartet. In jedem Fall aber wird sie die politische Wissenschaft bereichert haben. Hat sie doch eine neue Staatsform entwickelt: die „Telekratie“!

Dieses einzigartige politische System verfügt zwar über ein Parlament, doch es wirkt im Schatten; es besitzt eine Opposition von – Bombenlegern und hat zwei Exekutiven, von denen die eine redet, die andere handelt. Das einst demokratisch, jetzt „telekratisch“ regierte Volk versammelt sich in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen vor den Televisions-Apparaten, um einer Ansprache des Staatspräsidenten zu lauschen. Und jeweils zwischen diesen Höhepunkten politischen Lebens sind Politiker und Kommentatoren mit der Exegese der jüngsten Rede beschäftigt, wobei das, was der Staatschef nicht sagte, den meisten Anlaß zum Rätselraten bietet.

Was indessen klar zutage tritt, ist diesmal, nach de Gaulles Rede vom letzten Montag, daß die Gestalten der Vierten Republik soeben aus ihrem Winterschlaf erwachten; sie sammeln sich, sie suchen Kontakt, und dies durchaus im Bewußtsein ihres früheren Versagens. Neue Kraftfelder bilden sich.

Der Präsident hatte wieder einmal weiter gesehen als Debré: Er hat sich dessen Drängen widersetzt, das Attentat an der Route Nationale Nr. 19 öffentlich bekanntzugeben – vergeblich. De Gaulle hätte es lieber verschwiegen, weil er voraussah, daß der nationale Schock nicht nur die allgemeine Empörung hervorrufen, sondern auch in die allgemeine Erkenntnis münden werde, wie gefährlich es sei, das Schicksal der gesamten Nation an das persönliche Wohl und Wehe eines einzigen Mannes zu binden. Es wurde offenbar, wie sehr jenes de Gaullesche Experiment, die Demokratie durch ein Regime der Autorität zu retten, sich selbst ad absurdum geführt hat. Seither ist klar, daß die Alternative „de Gaulle oder das Chaos“ den Franzosen auf die Dauer unerträglich ist.

Sicherlich ist es ein Verhängnis, daß de Gaulle den Prozeß der Entkolonialisierung in Algerien unter dem Druck revolutionärer Gewalt hat anpacken müssen. Schließlich macht das algerische Beispiel Schule: Die Bauern gingen mit ihren Traktoren auf die Straße und diktierten der Regierung ihre Forderung. Und jetzt hat auch das Parlament gegen die außerordentlichen Vollmachten des Staatspräsidenten so energisch rebelliert, daß de Gaulle sich veranlaßt sah, den ominösen Artikel 16 der Verfassung ab 1. Oktober außer Kraft zu setzen. Schon werden die Parlamentarier sich ihrer Kräfte wieder bewußt und fragen, was damit anzufangen sei.

Der General spürt diese Strömung sehr wohl. Er hat sich ihr in seiner jüngsten Fernsehansprache mit ernster Energie entgegengestellt. Er hat dabei das Denken eines Mannes verraten, der an nichts glaubt, außer an sich selbst.