Knochenfunde in der Oldoway-Schlucht schockierten die Wissenschaft

Von Theo Löbsack

Unsere Vorstellungen vom Alter des Menschengeschlechts mußten sich bisher auf wilde Vermutungen und Hypothesen stützen. Jetzt endlich können wir uns auf Tatsachen berufen So kommentierte dieser Tage der englische Anthropologe Dr. L. S. B. Leakey ein Untersuchungsergebnis, das die Wissenschaft schockiert hat und das wahrscheinlich dazu führen wird, daß manche Lehrbücher drastisch umgeschrieben werden müssen.

Die Tatsachen, auf die Leakey sich beruft, sind Knochenfunde einer Urmenschenrasse, die er und seine Frau Mary am 17. Juli 1959 bei Ausgrabungen in der ostafrikanischen Oldoway-Schlucht am Victoria-See gemacht haben. Eine sechsfach geprüfte Altersbestimmung dieser Funde hat ein Alter von mindestens 1 750 000 Jahren ergeben!

Nach der bisherigen Lehrmeinung konnten die Urahnen nur bis etwa 500 000 Jahre zurückverfolgt werden. Nun scheint ziemlich eindeutig erwiesen zu sein, daß es schon über eine Million Jahre vorher auf unserem Planeten menschliche Wesen gab, die Werkzeuge besaßen, aufrecht gingen und mit dem Feuer umzugehen wußten.

Die Geschichte der Leakeyschen Knochenfunde begann eigentlich schon vor fünfzig Jahren, an einem heißen Sommertag in Tanganjika. Und sie begann mit einem deutschen Insektenforscher namens Kattwinkel, der Jagd auf seltene Schmetterlinge machte. Als Kattwinkel einen der buntschillernden Gaukelflieger allzu stürmisch verfolgte, stolperte er und stürzte samt seinem Fangnetz in eine Felsschlucht, wo er ohnmächtig liegenblieb. Als er wieder zu sich kam, traute er seinen Augen nicht: Neben sich sah er einen Berghang, der durch Erosionsvorgänge angeschnitten war wie ein Tortenprofil. Die freigelegten Erdschichten aber waren voll von Knochenresten und Versteinerungen.

Die Kunde von dem sagenhaften Fund in der Oldoway-Schlucht ging rasch in alle Welt, und seither sind Expeditionen immer wieder versucht, das Dunkel um die Abstammung des Menschen in Kattwinkels einstigem Jagdrevier aufzuhellen. Zu den eifrigsten Oldoway-Forschern zählt jener heute 57jährige englische Missionarssohn Dr. Leakey. Gegenüber seinen Kollegen hatte er den Vorzug, ganz in der Nähe des berühmt gewordenen Fundplatzes geboren und aufgewachsen zu sein. Sein Arbeitsfeld lag sozusagen direkt vor der Tür.