F. J. W., London

Der für die nächste Woche festgesetzte Beginn der Verhandlungen zwischen den „Sechs“ der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und Großbritannien über dessen Aufnahme in die EWG hat die britische Regierung zur Verteidigung ihres Entschlusses auf mehreren Fronten auf den Plan gerufen. Die ersten Symptome einer Opposition von innen und außen gegen den Anschluß in den Kontinent waren schon während der Parlamentsdebatte im August sichtbar geworden; sie haben sich seither in von Whitehall kaum erwarteter Weise verstärkt. Der Widerstand kommt von links und rechts, aus den Reihen der Konservativen wie der Labour Party, er kommt sogar von eigens dazu gebildeten Organisationen wie etwa der „Keep Britain Out Campaign“, die mit dem Schlagwort „Patriotismus“ arbeitet. Der für die Regierung gefährlichste Widerstand formierte sich jedoch nicht auf britischem, sondern auf afrikanischem Boden, bei der Jahreskonferenz der Finanz- und Wirtschaftsminister der Commonwealth-Länder in Accra (Ghana) vor drei Wochen.

Die britische Regierung ist von der öffentlichen Meinung noch immer am stärksten verwundbar, wenn sie sich zu dem von ihr geführten Commonwealth in echten oder vermeintlichen Gegensatz setzt. Tonangebend waren in Accra nicht etwa, wie man erwartet hätte, Australien oder Neuseeland, obwohl diese beiden Länder ihren Einspruch sehr deutlich geltend machten, sondern Kanada mit seinem streitbaren Finanzminister Fleming, der eine Woche später auch die Wiener Jahresversammlung des Internationalen Währungsfonds dazu benutzte, seine Attacke gegen den Beitritt Englands zur EWG weiterzureiten.

Die in Accra begonnenen Gespräche wurden in der vergangenen Woche in London auf zwei Ebenen fortgesetzt. Während Vertreter von sieben Commonwealth-Staaten mit hohen britischen Beamten des Schatzamtes und des Handelsministeriums schon über ihre konkreten Wünsche bezüglich Berücksichtigung ihrer Exportinteressen im Rahmen der bestehenden Commonwealth-Präferenzen (Zollerleichterungen) berieten, tagte gleichzeitig die Jahreskonferenz der Commonwealth-Parlamentarier, vor der die zuständigen britischen Kabinettsminister (Macmillan, Heath, Sandys) den Beschluß, mit der EWG Verhandlungen aufzunehmen, zu verteidigen hatten. Es war ein durch die Angriffe der Commonwealth-Parlamentarier irritierter Macmillan, der nach dieser Konferenz in Anwesenheit der Königin erklärte, er schwebe oft zwischen Verzweiflung und Hoffnung, wenn er sich die Welt von heute ansähe...

Macmillan konnte seine Zuhörer aus Übersee auch diesmal nicht mit dem in den letzten Wochen schon so oft gegebenen Versprechen beruhigen, daß die britische Regierung sich für das Commonwealth entscheiden würde, wenn sie, was nicht zu erwarten wäre, vor die Alternative – Commonwealth oder EWG – gestellt werden würde. Auch mit dem Argument, daß ein sich den europäischen Integrationsbestrebungen versagendes England ein immer schwächerer Partner des Commonwealth werden würde, daß ein Nichtbeitritt Englands zur EWG nachteilige Folgen für die ganze britische Völkerfamilie haben würde, vermochte der Premier sich nicht durchzusetzen. Es ist zweifelhaft, ob im Falle eines Vertrauensvotums vor dem Forum der Commonwealth-Parlamentarier die britische Regierung gut abgeschnitten haben würde.

Die britische Regierung hat das volle Vertrauen des Commonwealth verloren, ohne gleichzeitig hierfür schon das Vertrauen ihrer neuen, kontinentalen Partner eingetauscht zu haben. Denn im kontinentalen Lager, hauptsächlich in Frankreich, hält man den Briten vor, daß sie sich nur nolens volens zu dem Entschluß eines bedingten Eintritts in eine europäische Koalition durchgerungen hätten; wäre ihnen doch nach der Schrumpfung des Commonwealth und der veränderten Struktur ihres Außenhandels und ihrer finanziellen Position kein anderer Weg mehr übrig geblieben.

Es wäre unklug, mit solchen Vorhaltungen die kommenden Verhandlungen zu erschweren und die britischen Unterhändler in die Rolle von Bittstellern zu drängen; denn auch der britische Schritt ist in zunehmendem Maße damit motiviert, der aus dem Osten kommenden wirtschaftlichen und politischen Herausforderung ein westeuropäisches Gegengewicht entgegenzusetzen, in dem Großbritannien nicht fehlen darf.