J. K., Paris

In Frankreich steigen die Preise, und besonders in den letzten Wochen hat sich der Preisauftrieb erheblich verstärkt. Das soziale Klima hat sich – wie alljährlich um diese Jahreszeit – verschlechtert. Die Landwirte und die staatlichen Arbeiter üben einen starken Druck auf die Regierung aus.

Die Agitation in der Landwirtschaft hat allerdings stark politischen Charakter angenommen. In die vorwiegend beruflichen Forderungen der Kleinbauern, deren bescheidene Einkommen den Launen der Witterung und der Konjunktur besonders stark ausgesetzt sind, mischt sich die Unzufriedenheit anderer Bauern über das gegenwärtige politische Regime und über die Entwicklung, welche die Algerienpolitik nimmt.

Die Bauern fordern alle Vorteile des sozialen Wohlfahrtsstaates für sich, also Preisgarantien für alle wichtigen Produkte, und nicht nur wie bisher für Getreide und Molkereiprodukte. Im Falle der Überproduktion wollen sie staatliche Absatzgarantien. Die Verbraucher sollen in jedem Falle die Rechnung bezahlen: Bei schlechter Ernte durch höhere Preise gemäß dem Prinzip der freien Marktwirtschaft, bei überschüssiger Ernte durch kaum ermäßigte Preise gemäß dem Prinzip des Wohlfahrtsstaates. Kurz, der Bauer will in Zukunft gegen Ernteschwankungen und Preiseinbrüche genauso abgesichert sein wie der Arbeiter gegen Lohneinbußen infolge Betriebseinschränkungen oder Krankheit.

Gewisse Forderungen sind zweifellos berechtigt. Andererseits hat aber die Bauernschaft in ihrer Mehrheit den Reformplänen zur Verbesserung der Ertragsbedingungen nicht das nötige Interesse gezeigt, sie hat sich ihnen teilweise sogar energisch widersetzt. Die Regierung, mit anderen Sorgen beladen, hat sich der Bauernprobleme bisher nicht in dem Maße angenommen, wie es nötig gewesen wäre. Sie wählte den einfachsten Weg, indem sie die Symptome des Übelstandes bekämpfte, statt die Ursachen.

So erhöhte sie jetzt den Winterpreis für Milch beim Erzeuger von 0,36 NF auf 0,38 NF und riskiert damit eine weitere Erhöhung der Produktion, die heute schon schwer verkäuflich ist. Frankreich hat gegenwärtig 60 000 Tonnen Butter auf Lager und sucht einen Teil davon zu Dumpingpreisen im Ausland abzusetzen... Im Inland aber werden Butter- und Käsepreise entsprechend dem Milchpreis steigen, und der Verbraucher muß wieder einmal mit Erstaunen feststellen, daß mit steigender Produktion auch die Preise in die Höhe klettern.

Die Unzufriedenheit im öffentlichen Dienst hat sich bisher nur durch kurze Streiks im Bergbau und bei den Eisenbahnen gezeigt. Das Problem ist nicht neu: Der Lohn der staatlichen und halbstaatlichen Arbeiter bleibt erheblich hinter den Löhnen in der Privatindustrie zurück. Nach amtlichen Feststellungen sind im letzten Jahr die Löhne in der Privatindustrie durchschnittlich um 8 vH, im öffentlichen Dienst aber nur um 3 vH gestiegen. Und das geht seit mindestens drei Jahren so. Um Ruhe zu haben, ist die Regierung zu gewissen Zugeständnissen bereit. Doch liegen diese erheblich unter den Forderungen der Staatsangestellten, so daß mit einer weiteren Verschlechterung des sozialen Klimas und mit einer Ausbreitung der Streiks gerechnet werden muß.