Ein Aufsatz über „Wunschträume deutscher Schriftsteller“, den die Münchner Zeitschrift „Die Kultur“ in ihrer Septembernummer veröffentlicht, beginnt mit den Worten: „Wer viel im Ausland herumfährt, merkt mit der Zeit, daß die deutsche, seit 1945 verfaßte Literatur heute eine ähnliche internationale Rolle spielt wie die montenegrinische vor dem Ersten Weltkrieg: So wie damals das gebildete Publikum den Namen des Dichterfürsten Njegos kannte, jedoch nicht seine Werke, so kennt man heute im Ausland Heinrich Böll.“

Gewiß, ein effektvoller Anfang – nur daß ich allen guten deutschen Autoren von ganzem Herzen wünsche, sie mögen im Ausland so „unbekannt“ sein wie Böll. Seine Werke sind in siebzehn Ländern erschienen, bald wird Portugal als achtzehntes folgen. Lediglich vereinzelte Editionen? In mehreren Ländern – so in Frankreich, Italien, Polen, Schweden und den Niederlanden – wurden nicht weniger als fünf oder sechs seiner Bücher herausgegeben. Doktordissertationen über Böll sind, abgesehen vom deutschen Sprachraum, in Frankreich, Italien und Schweden geschrieben worden. Für den Nobelpreis wurde er nicht etwa von deutscher, sondern von schwedischer Seite vorgeschlagen. Dies alles läßt sich wohl kaum vom Werk des montenegrinischen „Dichterfürsten Njegos“ sagen.

Wozu also eine Behauptung, die entweder auf beschämende Unkenntnis der Fakten zurückgeführt werden muß oder zumindest darauf spekuliert? Es geht wieder einmal darum, die engagierte deutsche Gegenwartsliteratur – engagierte ohne Anführungsstriche – ein wenig lächerlich zu machen. Den deutschen Schriftstellern – neben Böll wird Graß genannt, auf Walser wird angespielt – wirft der Verfasser des Artikels den Versuch vor, „auf die Gesellschaft des Jahres 1961 mit Mitteln zu wirken, die auf den Vorstellungen des 18. Jahrhunderts von der Beiehrbarkeit Lesekundiger basieren“. Daß sich die Autoren endlich bessern, sei nicht anzunehmen: „Sie werden erneut vom Fortschritt träumen und damit ein Rezept gegen das Gefühl der eigenen Überflüssigkeit meinen.“

Sehr richtig, nur daß dies wahrlich nicht gegen, sondern eben für die Gegenwartsliteratur spricht. Ob sich ein Schriftsteller dessen bewußt ist oder nicht: Er kann nur dann schreiben, wenn er die „Belehrbarkeit“ des Lesers wenigstens nicht für ausgeschlossen hält. Daran hat sich seit Jahrtausenden nichts geändert. Und wie pessimistisch sich auch ein Schriftsteller geben mag – im Grunde hört er erst dann auf, vom verspotteten Fortschritt zu träumen, wenn er es für sinnlos hält, aufzuschreiben, was er zu sagen hat.

Natürlich werden die deutschen Schriftsteller der Nachkriegsgenerationen vom Zweifel am Wert und Sinn ihrer Arbeit und daher vom „Gefühl der eigenen Überflüssigkeit“ gepeinigt. Im „Los unserer Stadt“ -erzählt Wolfdietrich Schnurre von einem Chronisten, der, von plötzlicher Angst gepackt, daß niemand mehr liest, was er und andere schreiben, in den „Saal der Lesenden“ stürzt – er ist leer, in ihm „wallen majestätisch riesige Spinnweben auf und nieder“. Der Chronist verzweifelt und beschließt, daß er schweigen werde. Aber Schnurre selber hat glücklicherweise nicht aufgehört zu schreiben. Wie primitiv es auch klingen mag: Nur der Künstler kann Bedeutendes leisten, der sich selbst fortwährend anzweifelt. Literatur entsteht immer auf dem Spannungsfeld zwischen der maßlosen Selbstüberschätzung des Schriftstellers und seinem Gefühl der absoluten eigenen Überflüssigkeit – so ist es auch hier und heute.

Was wird nun der jungen deutschen Literatur als deren angeblich einzige Rettung empfohlen? Sie soll den „Schritt in die Distanz“ tun. Also weg von der Aktualität, vom politischen Engagement, von gesellschaftskritischer Unmittelbarkeit? Ja, ja, es gibt gar zu viele, die daran brennend interessiert sind. „Die Bestätigung eines Künstlers“ – sagte Siegfried Lenz in einer Ansprache über Tolstoj – „liegt nicht im Erfolg..., sondern im Argwohn, im Mißtrauen, das ihm entgegenschlägt.“ Die engagierte deutsche Literatur hat – zumal in letzter Zeit – keinen Anlaß, über Mangel an derartiger Bestätigung zu klagen. Marcel