Bonn, im Oktober

Der erste Eindruck von dem Gespräch Kennedys mit Gromyko war für Bonn beruhigend. Kennedys Satz, Amerika werde nicht einen Apfel für einen ganzen. Obstgarten eintauschen, schien darauf hinzudeuten, daß der Präsident die von der Sowjetunion vorgeschlagene Verhandlungsgrundlage abgelehnt habe.

Die Bemerkung Botschafter Grewes im amerikanischen Fernsehen, das Ende der Gespräche Gromykos mit Dean Rusk und Kennedy sei negativer gewesen als der Anfang, ließ Bonn freilich aufhorchen.

Gleich darauf trafen dann Berichte in Bonn ein, in denen der deutsche Botschafter die Gründe für seinen Pessimismus darlegte. Danach hat Kennedy dem sowjetischen Außenminister anscheinend gar nicht so energisch bedeutet, daß er über Konzessionen überhaupt nicht zu reden bereit sei. Und daraufhin begann man in Bonn zu befürchten, Gromyko könnte Chruschtschow berichten, die Amerikaner seien bereit, die Moskauer Vorschläge als Diskussionsgrundlage anzusehen.

Schon seit einiger Zeit beobachtete die Bundesregierung nicht ohne Beunruhigung, wie viele riskante Ratschläge von spekulationsfreudigen Kommentatoren und Senatoren vor aller Öffentlichkeit ausgebreitet wurden. Aber die offiziellen amerikanischen Versicherungen, man solle solche Pressestimmen oder Äußerungen herumreisender Parlamentarier nicht überbewerten, wirkten immer wieder beruhigend. Die offizielle Politik, so hieß es, werde nur im Weißen Haus gemacht, und das sei nicht bereit, irgend eine für Deutschland lebensgefährliche Konzession zu machen.

Soeben noch war Senator Humphrey, selbst einer dieser beunruhigenden Reiseredner, in Bonn und hatte sich dem Bundeskanzler und der Öffentlichkeit gegenüber in diesem beruhigenden Sinne geäußert. Noch deutlicher als Humphrey betonte in Bonn Senator Javits das gleiche. Die deutschen Gesprächspartner versäumten nicht, beiden Senatoren nachdrücklich darzulegen, was die Bundesrepublik ungeachtet aller Bündnistreue zu tun unter keinen Umständen bereit wäre.

Nun aber glaubt man in Bonn doch Grund zu der Befürchtung zu haben, der Obstgarten, der zum größten Teil auf deutschem Boden liegt, könne ins Verhandlungsgespräch gezogen werden. Wobei der Obstgarten verschiedenes bedeuten kann: Anerkennung der Oder-Neiße-Linie, eine weitgehende Anerkennung der DDR, schließlich sogar eine vertraglich vereinbarte Schwächung der militärischen Abwehrkraft Westdeutschlands, über deren Formen und Ausmaße unterschiedliche Vorstellungen im Gespräch sind.