Wenn in den Verwaltungen der westdeutschen Montanunternehmen in diesen Wochen die Rechenmaschinen summen, um das Ergebnis des Geschäftsjahres 1960/61 – das für die meisten Hüttenwerke an Rhein und Ruhr am 30. September beendet war – zu ermitteln, dann steht jedenfalls von vornherein fest, daß mit unliebsamen Überraschungen nicht gerechnet zu werden braucht. Das vorangegangene Geschäftsjahr 1959/60, für die Stahlindustrie das Jahr zuvor nie erreichter Superlative, hat einen würdigen Nachfolger gefunden.

Erste Mitteilungen einiger großer Stahlerzeuger zeichnen – bei allem Vorbehalt – wieder ein günstiges Bild und rechtfertigen durchaus den Schluß, daß das Stahljahr 1960/61 nicht wesentlich schlechter abschneiden wird als sein verwöhnter Vorgänger. Auch die Hoffnung, daß die in der westdeutschen Eisenindustrie so viel gerühmte „Dividendenkontinuität“ gewahrt werden kann, erscheint keineswegs unbegründet, zumal die meisten Ruhrhütten, die im Vorjahr fast ausnahmslos auf den Standardsatz einer 12prozentigen Dividende eingeschworen waren, sich mit ihren Ausschüttungsbeträgen nicht gerade übernommen und vor allem an die Stärkung der eigenen Reserven gedacht hatten. Demnach müßten die Dividendenaussichten für das jetzt abgelaufene Geschäftsjahr in der eisenschaffenden Industrie – selbst wenn die Erträge nicht wieder so üppig ausfallen sollten wie im Jahr zuvor – nicht schlecht sein.

Aber diese Rechnung hat einen Haken. Gerade in der Stahlindustrie spielt die gegenwärtige und voraussehbare Entwicklung für die Dividendenpolitik stets eine große Rolle. Und was sich unter diesen Gesichtspunkten den Unternehmensleitungen im Revier heute als Maßstab anbietet, wird vermutlich die Gebefreudigkeit nicht gerade beflügeln. Die Hüttenwerke an der Ruhr sind im Begriff, ein paar Segel zu streichen, um mit etwas geringerer Fahrt die Winterreise anzutreten. Schon in den Sommermonaten hatte sich das Tempo der Stahlkonjunktur merklich verlangsamt. Die Auftragseingänge wurden geringer, und mit ihnen schrumpfte das Auftragspolster, das Rückgrat der hohen Produktion in den Stahl- und Walzwerken. In diesen Tagen ist es noch deutlicher in Erscheinung getreten: die deutsche Stahlindustrie hat Abschied von einem Boom genommen, der sobald nicht wiederkommen wird, ja in der Form sogar auf absehbare Zeit hinaus gar nicht wieder auftreten kann.

Die Auftragseingänge bei den Werken lassen weiter zu wünschen übrig. Ein anhaltender Preisverfall auf den Exportmärkten und äußerst zurückhaltende Abnehmer im Inland sind die Vorzeichen, die gegenwärtig das Stahlgeschäft bestimmen. Beflügelt von dem Wissen um den forcierten Kapazitätsausbau nicht nur der westdeutschen Hüttenwerke sind die Stahlverbraucher weiterhin emsig bemüht, die früher üblichen langen Lieferfristen endgültig auszumerzen. Sie haben es nicht mehr nötig, sich eine möglichst günstige Placierung in den Auftragsbüchern der Lieferwerke zu sichern; denn das Angebot der Stahlerzeuger ist inzwischen selbst für eine gut beschäftigte Verarbeitungsindustrie nicht nur ausreichend, sondern reichlich. Den Weg zum Käufermarkt für Stahl haben die Hüttenwerke selbst mit ihren im Windschatten des Booms in Angriff genommenen und bereits abgeschlossenen Investitionen geebnet.

An ihrem Investitionsprogramm zum Ausbau der Kapazitäten haben die führenden Stahlerzeuger auch noch keine Abstriche vorgenommen. Dafür aber sind die Daumenschrauben an der Produktion angesetzt worden. Als der drittgrößte Stahlerzeuger der Bundesrepublik, die Dortmund-Hörder Hüttenunion AG, kürzlich bekanntgab, daß sie gegenwärtig nur mehr 210 000 t Rohstahl pro / Monat statt 225 000 t produzieren werde, horchte die Öffentlichkeit auf: Im Revier sind Schritte zur Anpassung der Produktion an die verringerte Nachfrage unternommen worden. Dem Beispiel des Dortmunder Unternehmens sind auch andere Montankonzerne in aller Stille gefolgt. Produktionsdrosselungen sind wieder an der Tagesordnung. Die deutsche Rohstahlerzeugung wurde im September auf 2,63 Mill. t – nach 2,86 Mill. t im August – zurückgefahren. Daraus folgt selbstverständlich auch eine zum Teil sogar sehr erheblich geringere Beschäftigung der Walzwerkanlagen. Ob damit schon das letzte Wort gesprochen worden ist, bleibt abzuwarten. Es gilt heute jedenfalls als sicher, daß die Rohstahlquote des vergangenen Jahres nicht wieder erreicht wird. Auf der Grundlage der bisherigen Zahlen müßte 1961 eine Rohstahlproduktion von 33,6 nach 34,1 Mill. t im Vorjahr erstellt werden. Glücklicherweise ist man an der Ruhr entschlossen, sich nicht (wieder) mit einem Ungleichgewicht von Produktion und Nachfrage den Markt auf lange Zeit hinaus zu verstopfen. Deswegen sollte auch die rasche Reaktion der Unternehmen – sie ist schon jetzt mehr als eine Drosselung mit der linken Hand – nicht dramatisiert, sondern eher begrüßt werden. Ein stillgelegtes Stahlwerk macht noch keine Flaute, zumal die Hauptabnehmergruppen der Hütten in der Tat nach wie vor gut beschäftigt sind.

Nicht zuletzt auf diese Beobachtung stützt sich auch der anhaltende Optimismus der Konzernverwaltungen. Eine leichte Nervosität ist jedoch nicht zu übersehen, wenn das Gespräch auf die internen Auswirkungen der neuen Beschäftigungslage kommt. Der absolute Produktionsrückgang an sich ist noch nicht besorgniserregend, nur im Zusammenhang mit den in Ausbau befindlichen Kapazitäten gewinnt er andere Dimensionen. Der Auslastungsgrad der Anlagen wird – selbst bei hoher Produktion – entsprechend geringer.

Das ist in Gesprächen im Revier schon heute mancherorts ein wunder Punkt, weil die optimistische Devise vom notwendigerweise zu weiten Rock, in den man hineinwachsen müsse, nicht mehr so strahlend funkelt wie vor einem halben Jahr. Auch Belegschaftsentlassungen glaubt sich kein Unternehmen leisten zu können. „Das wäre ein Bumerang, der dann zurückkommt, wenn wir wieder voll ausfahren können“, heißt es mit etwa gleichlautendem Tenor; und das bedeutet eine Veränderung der Arbeitsproduktivität, die aber offenbar als das kleinere Übel hingenommen wird.

Ingrid Neumann