Von Hans Magnus Enzensberger

Zwei öffentliche Äußerungen, die eine aus der Bundesrepublik, die andere aus der DDR, beide gleich erpresserisch, dumm und rüde, finde ich an ein und demselben Tag in meinem Briefkasten. Der Gedanke, die Öffentlichkeit mit seinem Inhalt zu behelligen, ist mir zuwider; daß ich den Urhebern der Belästigung das Recht bestreite, mir "Bekenntnisse" abzuverlangen, ist selbstverständlich; der Beleidigung sind nur Menschen fähig, die man nicht verachtet; Aufmerksamkeit und Zurechtweisung verdienen diese Stimmen also nur aus einem einzigen Grund: Sie dienen, wenn auch auf subalterne Art und mit den albernsten Mitteln, der Vorbereitung eines deutschen Bürgerkrieges.

Im "Neuen Deutschland" vom 19. September 1961 beschäftigt sich ein gewisser W. K. mit der überflüssigen Frage: "Mußte Enzensberger emigrieren?" Seine Glosse spielt auf die Tatsache an, daß ich seit einiger Zeit in Norwegen wohne: also auf einen privaten Umstand, der die Öffentlichkeit in gar keiner Weise interessieren kann. Nun leuchtet es ein, daß dem "Neuen Deutschland" ein gesellschaftlichen Zustand unbegreiflich sein muß, der es jedermann erlaubt, dorthin zu gehen, wo er will. Hinter der scheinheiligen Klage, daß ich "emigrieren mußte" verbirgt sich das Erstaunen darüber, daß keine Mauer und kein Stacheldraht, auch nicht die angeblich so schießfreudigen "Schergen des Herrn Schröder" mich daran gehindert haben. Die handgreiflichste aller Freiheiten, nämlich die, seine Koffer zu packen, geht über das Fassungsvermögen des "Organs des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands". Das ist kein Wunder. Der Vorsitzende dieser Partei pflegt bekanntlich die Ausreise von Bürgern seines Landes mit Panzern und Schnellfeuergewehren zu verhindern. So nimmt sich der schlichte Kauf einer Fahrkarte für W. K., wer immer das sein mag, als Emigration, und noch dazu als erzwungene Emigration aus. Der Pseudonyme Parteifunktionär weiß sogar die Gründe anzugeben, die mich veranlaßt haben, den Möbelwagen zu bestellen. Er entnimmt sie dem sterilen Wortschatz seiner Vorgesetzten. Obgleich ich öffentlich für die Sozialdemokratische Partei Deutschlands eingetreten bin, behauptet er: "Ob er (der angebliche Emigrant) Adenauer oder Brandt wählte, war das gleiche. Deshalb verließ er Westdeutschland, um nach Norwegen zu gehen." Und mit einer Frechheit, hinter der nicht einmal Zynismus, sondern blinde Idiotie zu vermuten ist, fährt er fort: "Seine Haltung kann man nicht billigen... Wer Deutschland vor den Schrecken eines Atomkrieges bewahren will, muß mit Walter Ulbricht gehen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Kein Deutscher ist heute zur Emigration gezwungen. Frieden, Freiheit und Glück haben heute ihre Heimstatt in der DDR." Und zu guter Letzt der unbeholfene Versuch einer Erpressung: "Wer dieser Alternative auszuweichen sucht, hilft einzig der Atomkriegspartei."

Etwas geschickter, aber mit der gleichen Unverschämtheit fordert mich im Hessischen Rundfunk am 24. September 1961 ein gewisser Rudolf Krämer auf, mich zu ihm zu bekennen. Auch er behauptet, eine andere Möglichkeit gebe es nicht, bei Strafe, in den Augen von Herrn Krämer als "unverbesserlicher Mitläufer, Verräter der Freiheit, zynischer oder feiger Flucht-nach-vorn-Praktikant" zu gelten. Sein miserables Deutsch kann dem des "Neuen Deutschland" das Wasser reichen. Die Lügner schreiben schlecht. Krämer behauptet, ich setzte mich "lieber mit SED-Funktionären als mit CDU- und SPD-Funktionären an einen Tisch"; er beschuldigt mich "der Treulosigkeit gegen schwer unterdrückte Menschen" und der "Illoyalität gegenüber der bedrohten westlichen Freiheit". Diese Verleumdungen, ebenso plump und schwindelhaft wie die des "Neuen Deutschland", verdienen keine Erwiderung. Schließlich äußert Krämer den Wunsch, ich möge sagen, "ob mir die Augen aufgegangen" seien, und "meinen Stimmungsumschwung öffentlich dokumentieren".

Ich habe nichts zu widerrufen und keine Veränderung meiner Ansichten zu "dokumentieren". Ich widersetze mich heute wie eh und je dem deutschen Bürgerkrieg, zu dem auf beiden Seiten gerüstet wird. Die Möglichkeiten eines Schriftstellers, ihm zu wehren, sind gering. Ich kann mich nicht dazu bereit erklären, die Bewohner der DDR deklamatorisch zu bedauern und faktisch zu ignorieren: Deshalb habe ich in Leipzig vorgelesen, was die Regierung der DDR mir dort zu veröffentlichen unmöglich macht. Ich bin sicher, daß die beiden Deutschland aneinander sterben werden, wenn sie es nicht lernen, miteinander zu leben: Deshalb habe ich an dem Ost-West-Gespräch teilgenommen, das "DIE ZEIT" in Hamburg veranstaltet hat. Die Verdunklung der Wahrheit, die Denunziation des freien Gesprächs, den Austausch leerer Beschimpfungen und die Anbiederung an die Standpunkte der jeweiligen Regierungen überlasse ich Leuten wie W. K. und Rudolf Krämer.

Sie gehen beide mit der wohlfeilen, von niemandem bestrittenen Ansicht hausieren, daß die Zustände in den beiden deutschen Teilstaaten "grundsätzlich und qualitativ" voneinander verschieden sind. Die Geistesart der beiden Glossenschreiber scheint mir dagegen "grundsätzlich und qualitativ" dieselbe zu sein. Auf die "Absolution", die mir Krämer verheißt, wenn ich aufhöre, selbständig zu denken, bin ich ebensowenig angewiesen wie auf die "Billigung" des "Neuen Deutschland", die um den gleichen Preis zu haben ist.

So finde ich in meinem Briefkasten die deutsche Misere wieder, in schöner Symmetrie und verkleinert auf das Augenmaß der linientreuen Kulturreferenten beider Seiten. Sie haben noch immer nicht begriffen, was in diesem Herbst die Spatzen von den Dächern pfeifen: Die Deutschland-Politik der beiden deutschen Regierungen ist gescheitert. Sie haben sich als unfähig erwiesen, für ein friedliches Zusammenleben der beiden deutschen Staaten zu sorgen. Was die Deutschen selbst nicht zuwege gebracht haben, unternehmen in diesem Augenblick, zu unserem Glück, die Großmächte selber. Keiner der deutschen Teilstaaten darf über Atomwaffen verfügen. Jeder muß die Existenz des andern anerkennen. Keiner darf die Oder-Neiße-Grenze, keiner darf die Freiheit Westberlins antasten In der DDR müssen polnische Verhältnisse geschaffen, in der Bundesrepublik muß die Demokratie verteidigt werden. Die Vorbereitungen zum Bürgerkrieg müssen ein Ende haben.

Diese Einsichten, die einzigen, mit denen den Bewohnern der DDR zu helfen ist, sind mir nicht neu. Die sie seit Jahren am eifrigsten verbellt haben, werden mich umsonst auffordern, sie zu widerrufen. Dies ist das letzte Mal, daß ich auf Gekläff antworte.