Von Kurt Döring

Waren- und Unterhaltungsautomaten gehören zu den interessantesten Entwicklungen im Zeitalter der Automation. Allein im Jahre 1960 wurde die Automaten-Armee in der Bundesrepublik durch eigene Produktion und Importe von zusammen 110 Millionen Mark ergänzt und vergrößert. Glaubt man den lockenden Inseraten in manchen Zeitungen, dann steckt in diesem enormen Aufschwung der Waren-, Unterhaltungs- und Spielautomaten der Anfang eines „Jedermann-Unternehmertums“, dann läge hier für Tausende die Chance, eine Art Unternehmer im Kleinformat zu werden.

Automaten bringen Geld“, lautet die Schlagzeile einer Anzeige. Fachkenntnisse seien nicht erforderlich, heißt es weiter. Man müsse nur dreitausend Mark und etwas Freizeit aufwenden, dann ließe sich ein guter Nebenverdienst erzielen.

In Hannover sind 160 Rentner, Angestellte und Arbeiter solchen Lockungen gefolgt – und schlimm hereingefallen. Sie wurden Besitzer von chromblitzenden Musikautomaten, die sie nie zu Gesicht bekamen. Das Geschäft wurde offensichtlich diesen leichtgläubigen Menschen – in Hannover wohnt nur ein kleiner Teil von ihnen – in so goldenen Farben geschildert, daß sich manche mit 20 000, ja sogar mit 80 000 Mark verschuldet hatten. Wenn nicht Verhandlungen und Prozesse die Gläubiger noch umstimmen, dann werden einige dieser Glücksritter bis ans Lebensende Monat für Monat unter dem Druck empfindlicher Abzahlungen seufzen.

Sie hatten sich am großangelegten Automatengeschäft eines Unternehmens in Goslar beteiligt und zumeist nur geringe Anzahlungen geleistet, dafür um so eifriger Wechsel und Darlehensverträge unterschrieben. Gegenwärtig ist dieses zusammengebrochene Automaten-Unternehmen in mehrere Prozesse verwickelt, so daß erst später völlige Klarheit über das Geschäftsgebaren bestehen wird. Es spricht jedoch vieles für die Annahme, daß die Verantwortlichen nicht betrügerisch auf eine Katastrophe hingearbeitet haben; sie waren vielmehr zu lange vom Erfolg ihrer Idee überzeugt.

Es ging ihnen um den Aufbau einer Firma, die nicht bloß 1500 Musikboxen an Private verkaufte, sondern diese Automaten auch in Gastwirtschaften aufstellte und ständig betreute, also auch das eingespielte Geld kassierte und aus dem Erlös die Wechsel sowie die anderen Unkosten bezahlte. Die Geschäftsführung schien anzunehmen, daß die Automatenbesitzer – also jene Rentner, Arbeiter und Angestellte, die die Wechsel unterschrieben –, in zwei bis drei Jahren ihre Schulden abgezahlt hätten und daß die Firma sowohl durch den Verkauf der Automaten als auch durch deren Betreuung dabei ebenfalls einen guten Schnitt machen könnte.

Die Rechnung ging nicht auf, weil die Beteiligten vor allem übersehen hatten, daß dieser in vieler Hinsicht noch junge Markt längst nicht mehr von Dilettanten zu meistern ist. Man erwartete viel zu hohe Einspielergebnisse. Statt Monatserträgen von 200 bis 300 Mark brachten die meisten Musikboxen nicht mal genug, um die Unkosten zu decken. Die guten Aufstellplätze für Spielautomaten lassen, sich kaum durch sogenannte „Platzmacher“ finden, die von Gaststätte zu Gaststätte ziehen und für jede Aufstellerlaubnis eine Prämie von etwa einhundret Mark erhalten. Erfolgreiche Automatenaufsteller behaupten, gerade das Auffinden eines guten Aufstellplatzes lasse sich nicht auf Mitarbeiter delegieren. Hier sei die Nase des Chefs unentbehrlich.