hin — wie der "Emigrant Hans Magnus Enzensberger — von der Ostberliner Presse als Märtyrer gefeiert wurde, so mußte er auch das mit der ihm eigenen vergnügten Gelassenheit des Ur- und Erzberliners aus Breslau tragen.

Als aber die Franzosen auch noch gegen Jean Genets "Wände" protestierten, blieb Barlog hart: Wenn ein Intendant (oder ein Schriftsteller oder ein Verleger oder ein Chefredakteur) erst einmal anfangen will, es jedem recht zu machen und Proteste zu scheuen, dann hört alles auf.

Genets "phantastisches Schauspiel" findet, wie schon das Bühnenbild (von Hansheinrich Palitzsch) zeigt, auf (mindestens) drei Ebenen statt. Auf der untersten, vordergründigsten ist es ein Drama des Algerienkrieges, in dem zwei Engländer (die haben nicht protestiert) und zwei Franzosen keine sehr gute Figur machen und wo ein französischer Leutnant in einer Weise karikiert wird, die auch ein Deutscher nachempfinden kann. Auf der zweiten Ebene handelt es sich um die uns ebenfalls nicht fremde Suche nach Sündenböcken (welche man schließlich im ärmsten Sohn und in der häßlichsten Tochter des Landes findet). Und die dritte Ebene dient als (seit Wilder und Sartre beliebter) Spielplatz für Tote, deren unlebendiger Zustand durch einen weißen Querstrich über dem Gesicht angedeutet wird. Daher bezieht das Stück seinen Namen: Die von Hans Georg Brenner mit "Wände" recht vereinfachend übersetzten "paravents" des französischen Titels sind bespannte Rahmen, durch die Lebendige papierzerfetzend eintreten ins Reich der Toten, um sich noch einmal totzulachen darüber, wie einfach der Tod sei. Genet ist auf der ersten Ebene satirisch, auf der zweiten grandios — es ist sein Thema, das erlittene Thema eines Außenseiters der Gesellschaft; auf der dritten versagt er und ruiniert das Stück. Daran konnten auch die einfallsreiche Regie Hans Lietzaus und die schönen schauspielerischen Leistungen von Heidemarie Theobald und Gerhard ~Winter nichts ändern.

An einem der viel zu wenigen Abende in Berlin war das Thema nicht mehr zu umgehen: Die Flucht aus der Stadt.

Wer glaubt, Empörung, Macht das Tor auf und ein paar Illusionen reichten aus, der Lage in Berlin gerecht zu werden, die "noch nie so ernst war", sollte eine tatsächliche Folge solcher Bewältigungsversuche zur Kenntnis nehmen: Tag für Tag rollen die Möbelwagen auf der Autobahn von Berlin in Richtung Hannover, Frankfurt, München. Viele bereiten den Rückzug in westlicher Richtung vor, und nicht wenige haben ihn bereits vollzogen "Die Intellektuellen und die Reichen natürlich voran", sagen die anderen, die übrigbleiben, und — auch sie — von der Möglichkeit träumen, in gesicherteren Gefilden ein weniger bedrohtes Dasein zu haben. Noch handelt es sich um Anfänge, denen man wehren kann. Unter denjenigen, deren Ausweichmanöver wir mit Kummer verfolgen, sind einige, denen ihre Art der geistigen Auseinandersetzung mit Andersdenkenden die vielleicht unfreundliche, aber ganz anschauliche Bezeichnung "kalte Krieger" eingetragen Um solche ging es bei einer hitzigen Auseinandersetzung "Falls diese Leute davon überzeugt sind", sagte einer, der vieles durchgemacht hat und gegen den Vorwurf der Feigheit gefeit ist, "daß Ulbrichts Macht e ines Tages auch auf Westberlin übergreift, dann ist es ihr gutes Recht, dieser Möglichkeit vorzubauen, also: die Stadt zu verlassen " Hier scheiden sich die Geister. Es gibt manche, und vielleicht gibt es sogar viele, die bewundern die Buben nicht sehr, die hier und dort mit Steinen nach der anderen Seite der Mauer werfen und dann Reißaus nehmen. Wer einmal das Unglück hatte, in einem heißen Krieg kämpfen zu müssen, hat sich eine gesunde Abneigung erworben gegen Anfeuerungsrufe und Kampfgeschrei der Etappe. Christen und Humanisten werden sich zuweilen noch auf jenen Teil des Kantschen Sittengesetzes einigen, wonach der Maxime des eigenen Handelns die Kraft eines moralischen Gesetzes innewohnen sollte. Danach kann heute keiner guten Gewissens um seiner persönlichen Sicherheit willen Berlin verlas sen, ohne die Massenevakuierung der Stadt zu wollen.

Das ist die eine Seite — eine Meinung, eine Warnung. Auf der anderen Seite geht es deutsch zu. Da werden, so erfährt man allenthalben, Beschlüsse der Kultusminister, der Verleger, der Intendanten vorbereitet: Westberliner Dozenten, Journalisten, Regisseure, Schauspieler dürfen nicht mehr in die Bundesrepublik engagiert werden. Jeder solche Beschluß wäre ungeheuerlich. Wir alle, die wir davon überzeugt sind, daß vieles und noch viel mehr für Westberlin getan werden muß, verwahren uns — und dazu haben wir nun glücklicherweise gerade als Nicht Berliner ein Recht — aufs energischste dagegen, daß (beispielsweise) der Fall des jungen Berliner Dozenten, dem in Heidelberg ein Lehrstuhl geboten wird, und der des gegen jede Form koexistierenden Überlebens Gift spritzenden Berliner Kritikers, der sich ohne erkennbaren Grund in die Schweiz zurückzieht, in einen Topf geworfen werden; wir verwahren uns dagegen, daß (grundsätzlich) eine bestimmte Gruppe von Deutschen zum Heldentum abkommandiert wird. Wenn jemand alles andere ist als ein Held, dann soll ihn an seinem So Sein in einem freien Staate niemand hindern.

Dem Zustand des Eingesperrtseins lassen sich — Berlin lehrt es — vielerlei Betrachtungsmöglichkeiten abgewinnen. Immer wird es darauf ankomr men, einen Weg nach draußen zu finden; wo er gefunden ist, weicht die Klaustrophobie; und wo er garantiert wird, fallen ihr nur noch Psychopathen anheim — oder allzu Mißtrauische.