Wohin mit dem Abschaum der Zivilisation?

Von Thomas v. Randow

Für Wasser gibt es keinen Ersatz. Wo es fehlt, stirbt jegliches Leben. Wo es unrein ist, breiten sich Krankheiten und Siechtum aus. Das sind Binsenwahrheiten, aber sie werden kaum mehr beherzigt. Unsere Generation hat längst aufgehört, das Wasser, das aus dem Hahn fließt, mit den Flüssen, den Seen und dem Regen in Verbindung zu bringen: Sorglos leitet sie ihren Unrat in die Wasserläufe und läßt es zu, daß Gewerbe und Industrie ein Lebenselement vergiften.

Die Fachleute für Wasserversorgung, Abwässerreinigung und Müllbeseitigung, die in der vergangenen Woche zu ihrer internationalen Tagung aus vielen Ländern in Basel zusammenkamen, waren sich darüber einig, daß überall in der Welt die Gesetze zum Schutz des Wassers zu spät gekommen sind. Ein Jahrhundert lang haben wir Zeit gehabt, darüber nachzudenken, wie wir unser Trinkwasser vor dem Eindringen von Industrieabwässern bewahren können, aber erst seit einem Jahr gibt es bei uns eine einheitliche Regelung des Wasserhaushalts rief ein deutscher Redner seinen Zuhörern in Basel empört zu. „Hätten wir auch nur ein halbes Jahrhundert früher begonnen, die Abwässer zu reinigen, dann wäre nur ein Bruchteil der Investitionen notwendig gewesen, die wir heute in umfangreiche Filteranlagen stecken“, sagte ein anderer.

Die Sünde am Wasser begann damit, daß die grundwassersammelnden Laubwälder abgeholzt wurden. Dort, wo neue Forste entstanden, pflanzte man die zwar wachstumsfreudigeren, aber dabei wasserverdunstenden Nadelhölzer an. Grundwasser ist Mangelware geworden. Dennoch scheut man sich nicht, im Rheinland ein riesenhaftes unterirdisches Wasserbecken leerzupumpen, damit die darunterliegenden Kohlenfelder erschlossen werden können. Das kristallklare Wasser wird in den schmutzigen Rhein geleitet.

Das Grundwasser wird von der Natur kostenlos gefiltert. Hätten wir es „gepflegt“, dann brauchten heute nicht viele Milliarden für Reinigungsanlagen ausgegeben zu werden. Nicht einmal mehr die Hälfte unseres Trinkwassers kommt aus dem Grundwasser; der Anteil des Quellwassers fällt mit 15 Prozent kaum ins Gewicht. Der Rest wird in der Nähe der Fluß- und Seeufer aus der Erde gepumpt oder den Wasserläufen entnommen. Wenn irgend möglich, wird auch dieses Wasser nach einer Vorreinigung über Erdböden verschüttet und als künstliches Grundwasser wieder zutage gefördert; nur 8 Prozent unseres Trinkwassers kommen direkt – ohne vorhergehende „Versickerung“ – aus den Seen und Talsperren.

Doch auch das Grundwasser ist längst nicht mehr sauber. Aus Schutt- und Müllplätzen reißt der Regen soviel Schmutz – und oft sogar Giftstoffe – mit, daß die Filterwirkung des Bodens nicht ausreicht. Insektenbekämpfungsmittel werden von den Pflanzen abgewaschen und sickern in gelöster Form in das Grundwasser ein. Allerdings verteilen sich diese Substanzen so sehr, daß – von seltenen Ausnahmen abgesehen – ihr Anteil am Trinkwasser vorläufig noch unterhalb der Gefahrengrenze liegt. Spürbar ist dagegen jene Beimischung, die in den Vereinigten Staaten schon öfters zu Katastrophensituationen geführt und auch bei unseren Wasserwerken im vergangenen Jahr mehr als achtzigmal Alarm ausgelöst hat: Mineralölerzeugnisse, vor allem Heizöl und Kraftstoff.