Von André Kostolany

Seit meinen ersten Spekulationen habe ich eine Schwäche für Geschäfte mit Obligationen gehabt, besonders mit Staatsanleihen, und ich hatte im übrigen gute Gründe für diese Vorliebe.

Bei der Aufstellung eines Spekulationsplans spielen alle möglichen Faktoren eine Rolle, von denen manche einem wirklichen Sprung ins Ungewisse gleichkommen.

Der „Steckbrief“ einer Obligation ist viel leichter festzustellen als derjenige einer Aktie. Man kann den theoretischen Wert einer Obligation mit größerer Genauigkeit abschätzen. Gewisse greifbare Momente sind einfacher zu bestimmen: der Kredit des Schuldners, der Zinssatz, Wert und Zukunftsaussichten der Währung, auf welche die Schuld lautet, die Zahlungsbedingungen, die hypothekarische Sicherheit, alle in Frage kommenden Klauseln, ebenso der Geldmarkt für kurzfristige und der Kapitalmarkt für langfristige Kredite. Die Auswirkung der Innen- und Außenpolitik, wenn es sich um Staatsanleihen handelt, die Einnahmen- und Ausgabenpolitik des staatlichen Schuldners müssen in erster Linie in Betracht gezogen werden, ebenso wie eine Vielzahl von Komponenten, die der Beobachter mehr oder weniger kontrollieren kann.

Dagegen ist es fast unmöglich, auch nur annähernd den echten Wert der Aktie einer Bergwerks- oder Petroleumgesellschaft oder einer Gesellschaft des öffentlichen Dienstes zu schätzen. Auch durch die gründlichste Analyse, die genaueste Prüfung der Bilanzen, der Gewinn- und Verlustrechnung oder des Geschäftsberichts kann der exakte Wert einer Aktie nicht bestimmt werden. Ich möchte sogar behaupten, daß man aus einer Bilanz manchmal die falschesten Schlüsse ziehen kann. Denn abgesehen von der Reaktion der breiten Masse, der Sparer, und der allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung gibt es noch so viele Faktoren, die einzeln untersucht werden müssen.

Will man bei den Staatsanleihen eine Diagnose stellen, so scheinen mir die zu untersuchenden Elemente entschieden leichter erkennbar zu sein: Frieden oder Krieg, Sieg oder Niederlage, Revolution oder sozialer Friede, und so weiter... Überdies hat sich meine Vorliebe immer besonders den notleidenden oder schwachen Obligationen zugewandt. Eine Besserung der Situation des Schuldners kann eine raketenartige Obligationen-Hausse auslösen: das war der Fall bei dem unerwarteten Börsencoup, als die amerikanischen Eisenbahnen wieder an Wert gewannen, oder bei den deutschen und japanischen Obligationen.

Ich war von einem unerschütterlichen Optimismus über den Ausgang des Krieges und die innere Entwicklung Europas durchdrungen und begann also, mich auf die Spekulation mit europäischen Staatsanleihen zu werfen, die während des Krieges an der New Yorker Börse auf ein sehr niedriges Niveau gesunken waren. Neben norwegischen, belgischen, dänischen, italienischen und deutschen Obligationen hatte ich auch französische Papiere in der Tasche.