Von Walter Boehlich

Ein Werk der Kritik kann seinen Leser durch mancherlei anziehen oder überzeugen: durch die Fülle des Mitgeteilten, durch die Schärfe der Beobachtung, durch den Glanz des Stils. Man wird es nicht lesen, um sich zu beschäftigen, sondern um etwas zu erfahren, um zu lernen, sich anregen zu lassen, vielleicht sogar, um zu genießen.

Der Kritiker, der sich nicht seinerseits auch nur beschäftigen möchte, sondern den unabweislichen Forderungen seines Handwerks gewachsen ist, es beherrscht, sich ihnen unterwirft, wird beinahe jeden Gegenstand interessant zu machen wissen, auch wenn er vor ihm ungezählte Male abgehandelt ist. Auf wieviel mehr Interesse wird er rechnen können, wenn er sich als erster einem Gegenstand widmet, und noch dazu einem, der auf die größte allgemeine Aufmerksamkeit zählen darf, weil er unbequem zwar wie ein Felsblock, aber auch unübersehbar wie dieser, auf dem Wege liegt, der uns in die Misere der jüngsten Vergangenheit führt.

Die meisten heute Lebenden haben mehr oder minder bewußt zwei große Entwicklungsbrüche der deutschen Literatur miterlebt; in groben Umrissen wird jeder Leser über sie unterrichtet sein. Er hat eine ungefähre Vorstellung von dem, was bis 1933 deutsche Literatur war, weiß, wie sie durch Terror und Verordnung innerhalb der deutschen Grenzen zu existieren aufhörte, erinnert sich dessen, was zwölf Jahre lang in Buchhandlungen feilgeboten, von Bibliotheken verliehen, von der Kritik gepriesen wurde, und beobachtet, was sich seit sechzehn Jahren, nicht ohne Mühen und Irrtümer, zu einer neuen Literatur zu entwickeln beginnt. Selbst die Jüngeren und Jüngsten unter den Lesenden sind im allgemeinen nicht schlecht über die deutsche Literatur vor 1933 und nach 1945 unterrichtet, während sie aus eigener Lektüre kaum kennen werden, was als deutsche Literatur im Dritten Reich bezeichnet werden könnte. Wenig davon ist der Überlieferung wert.

Wer also versucht, eine Vorstellung von ihr, einen Überblick über sie zu geben, wird hohen Ansprüchen genügen müssen, da er den Wissenden ebenso durch Scharfsicht wie den Unwissenden durch Übersicht wird überzeugen müssen. Der Autor des hier zu besprechenden Buches scheint sich das nicht ausreichend klargemacht zu haben, ehe er ans Werk ging –

Franz Schonauer: „Deutsche Literatur im Dritten Reich – Versuch einer Darstellung in polemisch-didaktischer Absicht“; Walter Verlag, Ölten und Freiburg; 196 S., 7,80 DM.

Diesem Büchlein liegen Vorträge für den Bayerischen Rundfunk zu Grunde; sie sind für den Druck überarbeitet und mit Anmerkungen versehen worden. Ein Register fehlt.