In den Börsensälen ist es still geworden. Die Anlegergruppen, vor allem das Publikum, lassen sich nicht aus der Reserve herausbringen, obwohl einige Banken jetzt dazu übergegangen sind, wieder Kaufempfehlungen zu erteilen. Natürlich ist. man dabei sehr vorsichtig und räumt stets die Möglichkeit ein, daß in den nächsten Monaten Situationen eintreten können, in denen die Aktien billiger sein werden als heute. Aber – so wird argumentiert – wer heute kauft, kann Kursgewinne bereits im Frühjahr wieder steuerfrei realisieren. Dabei wird natürlich unterstellt, daß bis dahin in Sachen Ost-West-Konflikt so etwas wie ein Kompromiß gefunden worden ist. Da – wie gesagt – neue politische Tiefschläge nicht auszuschließen sind, rät man der Kundschaft, vorerst nur mit Teilbeträgen "einzusteigen", um gegebenenfalls billig nachkaufen zu können. In der Praxis läuft dies auf eine sehr breite Streuung hinaus. Um jeden steuerlichen Zweifel hinsichtlich des Ablaufs der Halbjahresfrist auszuschließen, wird es für das Beste gehalten, keine Papiere nachzukaufen, die bereits im Portefeuille enthalten sind. Diese "Großzügigkeit" in der Auswahl der kaufenswerten Aktien kann man sich gegenwärtig ohne weiteres leisten, denn die meisten Papiere sind heute preiswert. Vor allem: Sie sind auch erhältlich.

Die kursierenden Anlagevorschläge finden wohl Beifall, aber nur wenige wagen es, sie zu befolgen. Das Unbehagen über die politische Situation ist nach wie vor groß, besonders nach den sich widersprechenden Nachrichten über den Ausgang der amerikanisch-sowjetischen Besprechungen. Die Innenpolitik macht dagegen der Börse kaum noch Kopfzerbrechen. "Man" hat an der vierten Kanzlerschaft Adenauers schon vor der Wahl kaum gezweifelt und sieht die Dinge sich jetzt "planmäßig" entwickeln. Gefürchtet wurde eine Zeitlang die Möglichkeit einer CDU/SPD- oder einer großen Koalition, weil dann die Gefahr bestand, daß der linke CDU-Flügel mit seinen Vorstellungen von einem Wohlfahrtsstaat ein zu großes Gewicht erlangt hätte. Von einer CDU/FDP-Koalition hält man sehr viel mehr.

Wenn trotz der geringen Umsätze die Aktienkurse im allgemeinen behauptet blieben, dann ist das ein gutes Zeichen. Das Angebot ist nicht mehr drängend. Depot-Bereinigungen brauchen nicht mehr vorgenommen zu werden. Der ängstliche Teil der Kundschaft hat sich von seinen Papieren längst gelöst, wer jetzt noch Aktien hat, ist "hart im Nehmen". Zu den gegenwärtigen Kursen verkauft niemand gern. Wenn es dennoch bei den Montanen immer wieder zu Abgaben kommt, dann mag man daran erkennen, wie groß die Enttäuschung über die Kursentwicklung und wie wenig Vertrauen in die Zukunft dieser Werte vorhanden ist. Die Nachrichten von der abflauenden Stahl-Konjunktur haben die Verkaufsbereitschaft noch verstärkt, obwohl kaum befürchtet werden muß, daß darunter die Dividenden für das laufende (oder am 30. 6. bzw. 30. 9. abgelaufene) Geschäftsjahr leiden werden. Aber vielfach sind es – wie schon früher einmal erwähnt – rein taktische Erwägungen, die zum Verkauf der Montan-Aktien führen. Es wird nämlich die Auffassung vertreten, daß von einer Erholung der Aktienkurse zunächst jene Papiere profitieren werden, für die sich erfahrungsgemäß das Ausland interessiert. Dazu gehören Montan-Aktien nicht.

Unter Druck geraten sind übrigens die VW-Aktien, wenngleich von nennenswerten Kursverlusten nicht gesprochenwerden kann. Bei den VW-Aktien wirkt sich jetzt der Ablauf der halbjährigen Spekulationssteuerfrist aus. Wer seinerzeit zwei VW-Aktien zugeteilt erhalten hatte, kann sich bereits seit einiger Zeit steuerfrei von seinen Papieren lösen, denn die realisierten Kursgewinne halten sich unterhalb der 1000-DM-Freigrenze für Spekulationsgewinne. Jetzt können aber auch jene VW-Aktionäre verkaufen, die bei der Zeichnung drei und mehr Aktien zugewiesen bekamen bzw. sich auf andere Weise zusätzliche Aktien sicherten. Ein Verkauf dieser "zusätzlichen" Papiere wird offenbar in vielen Fällen vorgezogen, um peinlichen Befragungen zu entgehen, die bei Übertragungen von einem Konto auf das andere vorgenommen werden könnten.

Kurt Wendt