An diesem Morgen ging die Sonne nicht auf. Gegen sechs Uhr früh war noch ein Phosphorschein über Osten zu sehen gewesen. Kurz danach riß ein Schrei den Zenith auseinander, Schwärze schoß wütend herab, der Himmel erbebte.

Wir hatten gerade noch Zeit, die Fenster zu schließen. Wir stemmten uns gegen die Türen und drehten die Schlüssel. Aber die Pfosten gaben leicht nach, und sobald wir die Klinken losließen, sprangen die Türen auf. Krähengefieder wirbelte uns vor die Füße. Die Hunde bellten. Sie hatten schon lange ihre Ahnung vorausgebellt, während wir schliefen. Jetzt aber kläfften sie heiser und hartnäckig mit zurückgeworfenen Schädeln, als ginge es ihnen ans Fell. Das Weiße ihrer verdrehten Augen blitzte unter dem Tisch.

Es wäre lächerlich gewesen, angesichts eines Wintergewitters oder einer möglichen Sonnenfinsternis den Kopf zu verlieren. Nachdem wir zwei Kriege und unsere Söhne überlebt hatten, konnten uns derartige Unstimmigkeiten in der Natur nicht mehr erschüttern.

Schon vor dem letzten Neumond waren zierliche Risse im Fundament beobachtet worden, die ebensogut von einer Sprengung im nahegelegenen Steinbruch wie von unterirdischen Erosionen herrühren möchten. Die Kommission, die zur Untersuchung geschickt worden war, empfingen wir mit spöttischer Gleichgültigkeit; sie ließ uns dafür ein Achselzucken als Antwort zurück. Es war müßig, sich über das Bröckeln unter dem Boden Gedanken zu machen. Nach kurzer Zeit hatten wir uns genauso daran gewöhnt wie an die gelegentlichen synkopischen Klopfzeichen hinter den Wänden – hinter denen doch wirklich nichts war als Landschaft, Bergwerk und Busse. Nur wenn das Geklopfe eine zu aufdringliche Lautstärke annahm oder sein plötzliches Aussetzen das körnige Rieseln der Stille erschreckend vergrößerte, stellten wir das Radio an: Tanzmusik gab es immer, und auch der eingeblendete Wetterbericht war beruhigend, weil er nie zutraf.

Lot war der einzige, der diese Zeichen zu deuten versuchte und den Entschluß daraus zog, seine Koffer zu packen. Schon seit Wochen standen sie aufbruchdrohend herum. Lot aber wartete. Er wartete mit hochgezogenen Schultern und dem bösen Gesicht des Propheten.

Wir wußten, daß er nicht reisen würde und daß seine törichte Maßnahme nur eine Farce war. Denn wohin sollte er reisen? Wir hatten überall Gräben gezogen, wo nicht jene Risse von selber entstanden waren, wir hatten die Brücken, die wir für überflüssig erachteten, abgebrochen und den Himmel mit Linien vergittert.

An diesem Morgen waren die Linien verschwunden.