BADEN-BADEN

Rußland im vorigen Jahrhundert: Drei elternlose Schwestern – 20 bis 28 Jahre alt – und ihr älterer Bruder verzehren sich in einem unbedeutenden Garnisonsstädtchen vor Sehnsucht nach „großem und erfülltem Leben“ im unerreichbaren Moskau. Kümmerliche Abwechslung sind langweilende Offiziersbesuche und sich endlos hinziehende Kreuz--und-Quer-Liebschaften. Der Bruder wird nicht Professor in der Metropole, sondern ein mittelmäßiger Provinzbeamter und verspielt – dicker und trübsinniger werdend – das Elternhaus.

Die Schwestern verkümmern teils aus Unfähigkeit zur Liebe, teils aus unstillbarer Sehnsucht, aus der Ehre, auszubrechen. Drum herum gibt es dann nur noch weitere Weltschmerzler, Entwurzelte und vergeblich Schmachtende. Und als dann eines Tages gar noch die Garnison abgezogen wird, verdorrt alles wie unter Mehltau.

Gert Westphals Hörspielfassung des genialen Stückes von Anton Tschechow und Regie (Baden-Baden, Basel und Salzburg) schwelgen im Trostlosen. Alle Winkel der Ödnis sind perfekt ausgeleuchtet. Zart aufschimmernde Hoffnungen werden nur geweckt, um beim unausbleiblichen Verlöschen die Düsternis. noch schrecklicher auszumalen. Das siecht stumm dahin in schwachen, hilflosen Zuckungen.

Na ja, so läßt man sich als Hörer stirnrunzelnd quälen und muß dabei noch gestehen, daß die Sache gut, wirklich sehr gut gemacht ist. Unbeantwortet bleibt aber die Frage, weshalb es außer einem zu Tode Duellierten nicht noch mehr Tote gibt, denn leben läßt es sich bei so klinischen Seelenzuständen zweifellos nicht. H. K.