Kennedy und sein Kreis: eine "unordentliche" Regierung

John Fitzgerald Kennedy, der 35. Präsident der Vereinigten Staaten, gilt heute in Amerika und in der Welt nicht mehr als jener strahlende, vom Glück begünstigte, erfolgreiche politische Wunderknabe, als der er allerorten während seines Siegeszuges in das Weiße Haus angesehen wurde. Neun Monate ist es jetzt fast her, daß Kennedy in der klirrenden Kälte eines Januartages sein Amt antrat. Damals waren alle Erwartungen hochgespannt, eine magische Kraft schien von dem neuen Mann in Washington auszugehen. Kaum einer zweifelte daran, daß der junge Präsident, der alsbald die besten Köpfe des Landes um sich versammelte, mit fester Hand das Regierungssteuer ergreifen und das amerikanische Staatsschiff – sowie gleichsam die ganze westliche Flotte – unter günstige Winde und auf einen sicheren Kurs lenken werde. Es schien, als sei es diesem Manne gegeben, ganz neue, mächtige Energien freizusetzen, alles Unheil abzuwenden und die Gordischen Knoten, die seinem Land und der Welt zu schaffen machen, einen nach dem anderen zu durchschlagen.

Nach einem Frühjahr und Sommer der Stürme und Fehlschläge, der Krisen und Kritiken hat sich das Bild gewandelt. Kennedys Schwert scheint stumpf geworden zu sein, und der Gordischen Knoten gibt es eher noch mehr als zuvor. Die Überschwenglichen, die ihn, den Magier aus Massachusetts, so begeistert begrüßten, sind still geworden. Viele von ihnen aber, die sich der eigenen, viel zu großen Worte von gestern nur noch mit Unbehagen erinnern, haben nun aus Ärger über ihr Fehlurteil begonnen, mit der gleichen Vehemenz zu tadeln, mit der sie einst lobten.

Der Präsident, der sich mit großer Energie, aber doch zugleich auch zögernd in jenes Amt eingearbeitet hat, dem an Bürde gewiß kein anderes auf dieser Welt gleicht – er ist seinen Kritikern zu "unentschlossen", "tatenlos". Sie beklagen, daß er sich zwar als guter Redner, nicht aber als guter Führer bewährt habe, und sie bemängeln die Diskrepanz zwischen Worten und Taten. So wird derzeit eine gallige Bemerkung viel zitiert, die von James Reston, dem Kommentator der New York Times stammt: "Kennedy bat geredet wie Churchill und hat gehandelt wie Chamberlain."

Wie den Präsidenten selber, so trifft die durch Enttäuschung verbitterte Kritik mehr und mehr auch seinen Beraterstab, der gleich ihm mit allzu tönenden Huldigungen begrüßt worden war. Wenn heute in Washington vom "Kennedy-Circle" die Rede ist, dann fällt es nicht schwer, den etwas abschätzigen Unterton herauszuhören, der seit neuestem in diesem Wort mitschwingt. Auch hierbei mag viel von einer gefühlsmäßigen Reaktion zum Ausdruck kommen: Dem Präsidenten, der als Idol angetreten ist, möchte man nicht alle Fehler und Versäumnisse in die Schuhe schieben. Was liegt da näher, als den Beratern die Schuld zu geben?

Pannen, Ärgernisse, Fehlschläge

Wer von diesen Stimmungen und Meinungen in Washington berichtet, muß sogleich hinzufügen: Der große Kredit, der Kennedy am Anfang gegeben wurde, ist noch nicht vertan. Noch immer will es scheinen, daß die meisten Amerikaner und auch die meisten Leute in Washington der Meinung seien, von allen möglichen und denkbaren Regierungen sei dies denn doch noch die beste – auch wenn nicht alle Blütenträume reiften.