Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Es ist gewiß sehr ärgerlich, wenn man mitansehen muß, wie sich die Welt ein vollkommen falsches Bild von einem Menschen macht, von dem man es besser weiß.

So hat es den Urgroßneffen der Desiree Bernadotte, Stammutter des schwedischen Königshauses, nicht ruhen lassen, daß Annemarie Selinko ihren Bestseller unter großzügiger Umbildung der tatsächlichen Charaktere und Ereignisse verfaßt hat. In seinem „Lebensbild nach zeitgenössischen Dokumenten“ stellt er diese historische Wirklichkeit richtig –

Gabriel Girod de L’Ain: „Désirée Gary“; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 452 S., 19,80 DM.

Girod kehrt in streng wissenschaftlicher Manier zu den vorhandenen Quellen zurück und referiert gerecht über Positives und Negatives. „Désirée“, faßt er zusammen, „hatte einen liebenswürdigen Charakter. Ihre Sorglosigkeit und Trägheit machten aus ihr ein ziemlich ungebildetes Mädchen; ihre musikalischen Talente blieben im embryonalen Zustand, und ihre Orthographie blieb stets eigenwillig.“

Désirée wird im Namen der Wahrheit allen romantischen Reizes entkleidet, verwandelt sich von der naiv-unverdorbenen Heldin, die sich vor kalten, prunkvollen Schlössern fürchtet, die von der Schwester Julie (Königin von Spanien) ausgenutzt, vom ersten Verlobten, Napoleon, immer noch geliebt, vom Ehemann seiner Königskarriere geopfert wird und mit politischer Weitsicht und Aktivität begabt ist, in eine höchst normale heitere, aber unbedeutende südfranzösische Bürgerin. Girod weist sogar nach, daß sie nicht einmal Seidenhändlerstochter ist, denn Vater Clary besaß ein Im- und Exportgeschäft.

Die Tochter hing an dieser Familie, vor allem an Julie, und war politisch vollkommen desinteressiert: Kriege, Siege, Rangerhöhungen und Thronverluste nahm sie hin wie andere erfreuliche oder betrübliche Familiennachrichten, betrachtete „historische Ereignisse aus der Froschperspektive“, sie bewegten sie nur in bezug auf ihr eigenes Wohlergehen, ihre Gesundheit, ihre Finanzen.