Von Reita Owsjannikowa

Es gibt gewiß nur wenige Menschen in der westlichen Welt, die auf gleiche Weise so tiefe Einblicke in den sowjetischen Alltag gewinnen konnten wie ich, denn fast 30 Jahre lang führte ich das Leben einer Sowjetbürgerin. Jetzt, da ich in meine Heimat zurückgekehrt bin, wird mir durch die vielen Fragen meiner Bekannten erst klar, wie wenig man immer noch außerhalb des Ostblocks im allgemeinen über das Leben unter kommunistischer Herrschaft weiß.

Die ersten 22 Jahre meines Lebens hatte ich in Sheffield verbracht. Dort auch lernte ich meinen Mann, Ignaz Owsjannikow, kennen, der als Angestellter der sowjetischen Ölexportgesellschaft nach England geschickt worden war. Ein Jahr später heirateten wir, und sechs Monate danach, 1933, gingen wir nach Rußland.

Ich war bis dahin von jenem mäßigen Komfort umgeben gewesen, den man in einem Heim des britischen Mittelstandes – mein Vater war Leiter einer Koksbrennerei – gewohnt ist. Es war ein Starker Schock für mich, plötzlich in ein rückständiges Land versetzt zu sein, das sich mitten in den Wehen einer sozialen Umwälzung befand. Wir kamen gerade in dem Augenblick an, als der Hunger am ärgsten wütete, und wir mußten fast unsere gesamte Kleidung verkaufen, um Lebensmittel dafür zu erstellen. Jahrelang sollten wir in Rußland keine eigene Wohnung finden.

Ich gehörte gewiß nicht zu denen, die in der Erwartung nach Rußland gekommen waren, hier ein soziales Paradies vorzufinden. Ich hatte einfach keine Ahnung von dem, was mich erwartete. Wir hofften beide, bald wieder ins Ausland reisen zu können; aber das sollte für nahezu drei Jahrzehnte nicht sein. Nur die Liebe zu meinem Manne machte es mir möglich, die harten Zeiten durchzustehen.

Eines der größten Probleme zum Beispiel war das Einkaufen. Die Lebensmittelverteilung ist – auch heute noch – einer der schwächsten Punkte des sowjetischen Systems. Eine regelmäßige Versorgung gibt es nicht. Tagelang haben die Metzger überhaupt kein Fleisch. Dann plötzlich gibt es Hammel, und da alle Läden von derselben staatlichen Zentrale beliefert werden, so haben sie, wenn einer Hammel hat, alle Hammel. Aber auch dann muß man sofort nach der Lieferung zur Stelle sein oder einen guten Freund unter den Verkäufern haben.

Ich mußte mich morgens sehr früh aufmachen, wenn ich Fleisch bekommen wollte; dann wieder zur Mittagszeit wegen Milch und nach der Tagesarbeit wegen Zucker und Brot. Da nur ganz wenige Leute Kühlschränke besitzen, läßt sich mehr als eine Tagesration an verderblichen Waren schlecht aufbewahren. Die gebräuchlichste Form der Frischhaltung ist, die Nahrungsmittel in einem Beutel aus dem Fenster zu hängen.