Wir sind volle und loyale Mitglieder des Commonwealth. Gleichzeitig sind wir auch ein Teil Europas, von dem wir uns nicht loslösen können.“ Der Lordsiegelbewahrer und Europaminister Edward R. Heath verteidigte mit diesen Worten schon vor 14 Tagen auf einer Konferenz der Commonwealth-Parlamentarier den Aufnahmeantrag Großbritanniens in die EWG. Während Premier Macmillan durch die Hartnäckigkeit der Angriffe sichtlich irritiert war, blieb Edward Heath zuversichtlich. Mit der gleichen Zuversicht begab er sich auf die Reise nach Paris, wo er in dieser Woche als Führer der britischen Delegation dem Ministerrat der EWG die englischen Vorstellungen über einen Beitritt erklärt hat.

Die britischen Interessen und Verpflichtungen gegenüber dem Commonwealth, der EFTA und der eigenen Landwirtschaft werden die härtesten Nüsse sein, die er seinen europäischen Kollegen in Paris zu knacken gibt.

Einen Vorgeschmack der Problematik bekamen Brentano und Hallstein zu spüren, als Heath mit ihnen in Bonn und Brüssel am letzten Wochenende vorbereitende Gespräche führte.

„Mr. Europe“, so nennt die britische Presse Minister Heath, seit Maciviillan ihn nach den parlamentarischen Sommerferien mit der Leitung der Verhandlungen über Englands Beitritt zur EWG beauftragt hatte. Der 45jährige Junggeselle wurde im Juli 1960 auf den ressortlosen Posten eines Lordsiegelbewahrers berufen und mußte gleichzeitig den Außenminister Lord Home im Unterhaus vertreten, da das Unterhaus keine Lords duldet. Er verdankte diese Ernennung seinen Erfolgen, die er als „Haupteinpeitscher der konservativen Unterhausfraktion hatte. Mit diplomatischem Geschick wußte er jeweils die Abgeordneten zusammenzuhalten, ihnen die Politik der Regierung plausibel zu machen und das Kabinett wiederum über die Meinungen und Strömungen der Fraktion zu informieren.

Als Macmillan 1957 – nach dem Suez-Debakel – das schwere Erbe von Eden antrat, verbrachte er seinen ersten Abend als frischgebackener Premier mit Edward Heath. Damals gelang es beiden, die entzweite und demoralisierende konservative Unterhausfraktion zusammenzuhalten; seit damals verbindet beide eine vertraute und enge Freundschaft.

Europa hat es Heath angetan. Nach seinem Studium in Oxford – er studierte Philosophie und Volkswirtschaft und war ein Jahr lang Vorsitzender des berühmten Debattierklubs – machte er eine längere Reise durch Europa. Er besuchte Deutschland, sah die Freie Stadt Danzig und wanderte zu Fuß durch Polen und die skandinavischen Länder. Den Krieg machte er als Artillerieoffizier mit und trat 1945 als Beamter ins Luftfahrtministerium ein. 1950 begann seine aktiv“ politische Karriere als Unterhausmitglied. Seiner „alten“ Liebe Europa blieb er treu und wurde, in völlig privater Eigenschaft, Macmillans Sachverständiger für alles, was jenseits des Kanals geschah.

Es war vor zwei Jahren – Heath war noch Einpeitscher der Regierung –, als ein englischer Journalist schrieb, Heath habe das Zeug zu einem Privatsekretär oder aber alle Anlagen zu einem künftigen Premier. Es ist sicher nicht die Eignung zum Privatsekretär, die ihn heute befähigt, gerade die schwierigen Verhandlungen über einen EWG-Beitritt Englands zu führen und die Europapolitik in seinem Land zu koordinieren.

Der Ausgang der Pariser Vorverhandlungen wird nicht nur entscheidend für alle weiteren Beitrittsgespräche sein, sondern wird auch bestimmend sein für das Auftreten des Lordsiegelbewahrers vor dem Jahreskongreß der konservativen Partei in Brighton. Edward Heath wird dort versuchen müssen, die Tories zu überzeugen, daß „nur ein starkes Großbritannien in einem starken Europa für das Commonwealth von Wert ist“. H. K.