Von Ludolf Müller

Anton Tschechow ist im Juli 1904 in Badenweiler gestorben. Vier Jahre später wurde ihm hier ein Denkmal aus Erz gesetzt. Während des Ersten Weltkrieges wurde es wieder eingeschmolzen und vielleicht – welch tragische Ironie! – in der Form einer Granate in das Land befördert, aus dem der Dichter zu uns gekommen war.

Die 50. Wiederkehr des Todestages wurde meines Wissens nicht dazu benutzt, in Badenweiler oder sonstwo in Deutschland ein neues eherne Denkmal zu errichten. Dafür brachte dieser Gedenktag ein kleines, doch kostbares literarisches Denkmal für den russischen Dichter: den „Versuch über Tschechow“ von Thomas Mann (inzwischen abgedruckt in dem Band der Fischer-Bücherei „Leiden und Größe der Meister“). Dieser „Versuch“ gibt sachlich nichts Neues, aber er enthält eine so tiefe Auffassung des „Leidens und der Größe“ Tschechows, ein so ergreifendes Bekenntnis zu seinem Dichtertum, geschrieben von einem ..Bruder im Leide“, daß man sich keine schönere Ehrung hätte wünschen können.

Freilich blieb auch für ein neues Jubiläum genug zu tun übrig: Die große Biographie fehlt noch. Das Jahr 1960, als der hundertste Geburtstag des Dichters gefeiert wurde, hat sie uns nicht gebracht, obwohl manche Versuche unternommen wurden. Das nach Umfang und Ausstattung Großartigste unter den mir vorliegenden Tschechow-Büchern des Jubiläumsjahres ist:

„Anton P. Tschechow, Mensch und Dichter“, Jubiläumsausgabe zum 100. Geburtstag 1960, Deutsche Übertragung, Darstellung von Tschechows Leben und Einführung in seine Werke von Alexander von der Ley; Verlag Bernhard Tauchnitz GmbH, Stuttgart; 708 S., 150 Abb., 28,50 DM.

Die Auswahl aus dem Werk Tschechows enthält 33 Erzählungen, den erschütternden Bericht über die Verbrecherinsel Sachalin – und von den Dramen „Die Möwe“. Die Übersetzung ist nicht immer so authentisch, wie in der Vorrede beteuert wird. Die Lebensbeschreibung gleicht mehr einer Heiligenlegende als einer wissenschaftlichen Biographie. Die geistesgeschichtliche Einordnung des Dichters überspannt den Bogen: von Lao-tse über Jesus Christus, Goethe, Schiller und Mozart bis zu Tolstoj und Gandhi. Aber das Buch ist dennoch Zeuge einer so rührenden Liebe zu Tschechow und einer so gütigen Humanität, daß es roh wäre, hier Maßstäbe wissenschaftlicher Kritik anwenden zu wollen.

Den entgegengesetzten Eindruck macht die Darstellung von