Der fremde Onkel auf dem Spielplatz trocknet Tränen. Er steht inmitten der Kinderschar und ermuntert: „Bitte, lach’ doch mal!“ Der gute Onkel ordnet den Kleinen die Kleidung. Er zieht gar einen Kamm aus der Tasche und entwirrt ihnen das Haar. Sie drängen sich alle um den lieben Onkel, denn er will sie photographieren. Er kann sich kaum retten vor dem Ansturm: „Onkel, mich auch mal.“

Einem Geschäftsmann würde das Herz im Leibe hüpfen, so willige Kunden, zu sehen. Doch die Kunden dieses „Onkels“ sind unmündig. Es ist verboten, mit Kindern Geschäfte zu machen. Das weiß jedes Kind. Sagt man.

Was dagegen auch die meisten Erwachsenen nicht wissen, erweist sich zwei Wochen später. Der Photograph ist wiedergekommen und zeigt die Bilder auf dem Spielplatz. Er fragt die Kinder, wie dieses Mädchen heiße und wo jener Junge wohne. Dann schellt er an der Wohnungstür.

Die Hausfrau ist entzückt. Der Kopf ihres Kindes in Großformat, warm getönt auf Chamois, halbmatt, wirkt in der Tat niedlicher als je. Das Photo trifft ins Herz. Der Preis deshalb weniger. Sechs Mark je Aufnahme. Wenn die Hausfrau zaudert, kostet’s plötzlich nur noch vier Mark. Wenn sie sagt: „Aber wir haben genug Bilder“, senkt sich der Preis auf drei Mark. „Gewiß haben Sie doch in der Ferne eine Oma, die sich freuen würde...“

Wenn alle Omas der Familie gestorben sind, gibt es einen Vorzugspreis: zwei Mark! „Sehen Sie, was soll ich mit den Bildern“, sagt der Mann, „zwei Mark, das ist wie geschenkt. Das sind noch nicht mal meine Selbstkosten Der Mann tut der Hausfrau leid. Und so floriert sein Geschäft mit der Niedlichkeit – wie das seiner vielen Kollegen, die auf gleiche Weise durchs Land ziehen.

Dennoch: Dies Geschäft ist nicht nur unlauter, sondern ungesetzlich. Das Recht aufs eigene Bild haben, auch Kinder, und nur ihre Eltern verfügen darüber. Wenn es verletzt wird, besteht ein Anspruch auf Schadenersatz. Die Entschädigung macht zumindest den Wert des Photos aus. Die Hausfrauen sollten es zum Besehen in die Handnehmen, sollten es behalten und allein mit einem „dankeschön“ die Tür schließen. Bis dieses Geschäft mit der Niedlichkeit aufhört. Ortwin Fink