Von Edouard Roditi

Über Fragen des Geschmacks streiten wir uns manchmal mit unseren Eltern nur, um uns desto leichter mit unseren Großeltern zu versöhnen. Zwischen 1920 und 1940 herrschte zum Beispiel überall in Westeuropa die Renaissance des Biedermeiers, des „Victorians“, des Louis-Philippe-Stils; bei jüngeren Leuten ging diese Mode in Paris bis zur Neuentdeckung des Napoleon-Trois-Stils. Man begeisterte sich dabei für alles, was zwischen 1830 und 1870 Mode gewesen und dann von 1870 bis 1920 in Vergessenheit – oder in Verruf – geraten war. In jüngster Zeit, für die Sachkenner bemerkbar schon seit 1940, ist der Jugendstil langsam in Paris und New York und auch in Deutschland wieder Mode. Gallé-Vasen, die man in Paris vor dreißig Jahren der Portiersfrau geschenkt hat, nur um sie endlich los zu sein, werden in Auktionen viel höher bezahlt als um 1900 direkt bei Galle in Nancy. Der Couturier Pierre Baimain sammelt sie eifrig, und nicht nur er.

Es kann sein, daß solche Moden nur Ausdruck einer gewissen kulturellen Trotz-Reaktion sind: Was unsere Eltern als abscheulich empfanden, finden wir lustig oder schön. In diesem Sinne wird manches, was an sich nur Kitsch ist, plötzlich aus einem perversen Humor rehabilitiert, das heißt: geschätzt als historischer Scherz: Es gibt Leute, die zum Beispiel wieder die geschmacklosesten Postkarten aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts sammeln, ohne zu behaupten, daß sie als Kunst zu schätzen seien

Beim echten Jugendstil ist es aber etwas anderes. Im Pariser Musée d’Art Moderne veranstaltete vor sechs Monaten der Europarat eine große Kunstausstellung: Les Origines du Vingtieme Siècle. In München hatte er schon vor vier Jahren eine wunderbare Ausstellung des Rokoko gezeigt, dann vor zwei Jahren in London eine der Romantik. Bei dieser neuesten Ausstellung, die die Quellen der modernen Kunst aufdecken sollte, stellte es sich heraus, daß sich fast alles, was wir heute als „typisch modern“ schätzen, zwischen 1900 und 1914 aus dem Jugendstil entwickelt hat. Man zeigte in Paris frühe Jugendstil-Bilder von Kandinsky; Hans Arp erklärte, daß er in Weimar bei Ludwig von Hofmann studiert hatte; von Picasso gibt es frühe Bilder, die er im Stil von Steinlen gemalt hat; von Klimt entdeckte man endlich die wunderbaren Gartenlandschaften, die nur mit Werken von Seurat oder Bonnard zu vergleichen sind; plötzlich gaben Kunsthistoriker zu, daß Kirchner in Dresden in einem kunstgewerblichen Atelier des Jugendstils studiert hatte, und so weiter...

Vor dreißig Jahren schockierte ich einmal meine Surrealisten-Freunde sehr, als ich irgendwo schrieb, daß wir Baudelaire-Verehrer auch die Plastik von Carpeaux und Garmeris Pariser Oper schätzen müßten. Wer Gauguin, Lautrec und die späten Impressionisten liebt, wer Bonnard, Vuillard und Maillol schätzt, müßte also auch die Jugendstilrichtungen von Magorelle, Galle und van der Velde lieben. In Weimar ließ um 1905 Harry Graf Kessler seine Wohnung im Jugendstil einrichten, mit Bildern nach Plastiken von Bonnard und Maillol. Diese Maler und Bildhauer, die er protegierte, gehörten alle zum Kreise – der Architekten und Kunstgewerbler, die für ihn und andere Mäzene arbeiteten.

Die Ausstrahlungen der Jugendstil-Bewegung von England, Frankreich, Belgien, den Niederlanden, von Deutschland und Österreich reichte bis nach Nordamerika, Rußland und sogar Konstantinopel.

Glasfensterentwürfe von Bonnard wurden in New York von Louis Tiffany für europäische Mäzene ausgeführt. Der Sankt Petersburger Maler Léon Bakst, berühmt geworden durch seine Bühnenbilder und Kostüme für die russischen Balletts Serge Diaghilews, bekam von der Pariser Haute Couture viele Aufträge.