Washington‚ im Oktober

Die zweistündige Unterredung zwischen Kennedy und Gromyko hat nicht jene vernünftige Basis für Berlin-Verhandlungen gebracht, die von den vier westlichen Außenministern bei ihrem letzten Zusammentreffen in Washington als Ziel der Kontakt-Gespräche mit den Russen bezeichnet worden war.

Der amerikanische Außenminister Rusk hatte drei ausführliche Begegnungen mit Gromyko in New York und durfte nach der dritten Unterredung hoffen, daß sein Erkundungsauftrag einen gewissen Erfolg gehabt hatte. Es schien sich in New York, so glaubte man, eine Arbeitsformel für die von allen Seiten gesuchte Berlin-Lösung angebahnt zu haben. Diese Formel lautete: Sowjet-Garantien für den Zugang und die Anwesenheit der Westmächte in Berlin gegen die „Respektierung“ der DDR von Seiten der USA, Großbritannien, Frankreichs und der Bundesrepublik Deutschland. Bei dem Gespräch im Weißen Haus zeigte sich Gromyko allerdings wieder weniger zugänglich. Die Atmosphäre, so sagte Rusk hinterher, sei „im ganzen konstruktiv“ gewesen, doch zeichne sich noch kein Ergebnis ab.

Kennedy bewegt sich offenbar sehr vorsichtig im Spannungsfeld zwischen Ost und West, dessen Aspekte sich in den neun Monaten seiner Regierungszeit so dramatisch verdüstert haben. So mag es kommen, daß die Anhänger eines Kurses der Unnachgiebigkeit ihn einen Hamlet nennen, während die Freunde eines Ausgleichs, eines „ehrenvollen Handels“ mit den Kommunisten es nicht abwarten können, bis der große Berlin-Kompromiß geschlossen, ist.

Der Streit um die amerikanische Bereitschaft zu Zugeständnissen mag verfrüht sein, aber er ist nicht gegenstandslos. Verfrüht ist er vielleicht, weil Kennedy langsam operiert, um seine Position – die diplomatische sowohl wie die militärische – stärker auszubauen. Er ist auch verfrüht, weil Chruschtschow vor dem XXII. Parteikongreß: in Moskau offenbar eine vernünftige Lösung, der ganzen Deutschlandfrage als Teil des Problems der europäischen Sicherheit nicht wünscht. Vielleicht ist den Russen überhaupt ein Berlin im Schwebezustand der Ungewißheit als immer wirksames Druckmittel am liebsten.

Und warum ist die Erörterung von Berlin-Kompromissen dennoch nicht gegenstandslos? Weil die Entscheidung eines Tages doch auf den Westen und damit auf den Präsidenten der Vereinigten Staaten zukommt: Verhandlungen mit der DDR oder militärische Zusammenstöße in Mitteleuropa mit unabsehbaren Folgen. Wem es nicht früher klar war, dem haben es die letzten Wochen gezeigt, daß Amerikaner und Engländer gegenüber dieser Entscheidung für Verhandlungen mit den deutschen Agenten Moskaus eintreten, um für diesen Preis gleichzeitig die Freiheit Westberlins und die Erhaltung des Friedens in Mitteleuropa einzuhandeln.

Man macht sich, so glauben Washington und London, in Paris und Bonn Illusionen über die Wirksamkeit der in Wahrheit so eng begrenzten nichtmilitärischen westlichen Gegenmaßnahmen, und man hat offenbar noch nicht begriffen, wie stark die Kommunisten die Schraube weiter anziehen können, um westliche Zugeständnisse zu erpressen.