Der amerikanische Zoologe und Nobelpreisträger Herman J. Muller hat sich in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Science“ der Eugenik zugewandt. Seit einigen Jahren schon propagiert der Forscher die Tiefkühlspeicherung von Keimzellen in sogenannten Sperma-Banken. Zunächst mit dem Ziel, kinderlosen Ehepaaren zu helfen, dann um radioaktiven Keimschädigungen vorzubeugen: Soldaten sollen ihr Fortpflanzungsgut in einen strahlensicheren Safe geben, ehe sie in den Atomkrieg ziehen.

Jetzt setzt sich Muller dafür ein, jeder eugenisch denkenden Familie die Möglichkeit zu geben, Kinder von hervorragenden Menschen zur Welt zu bringen. Im Katalog der Keimzellbank wäre alles fein säuberlich geordnet: Intellektuelle, Künstler, Politiker, Filmstars, Helden – was man will. Da es, wie Muller voraussagt, in Zukunft möglich sein wird, auch weibliche Keimzellen jahrzehntelang aufzubewahren und zu verpflanzen, sind den Kombinationsmöglichkeiten keine Grenzen gesetzt. Muller betont ausdrücklich, daß diese Art der Eugenik niemals zum Zwang werden kann und sich daher grundsätzlich von den rassenwahnsinnigen Vorstellungen der Nazis unterscheidet. Er glaubt, seine Sperma-Banken würden es bald zu großer Beliebtheit bringen.

Sollte es Muller entgangen sein, daß hochintelligente Eltern zu ihrem Leidwesen meist nur durchschnittlich begabte Kinder haben? Auch hatten wir bisher gelernt, daß die Qualität des Erbgutes mit dem Alter der Erzeuger abnimmt – und wer ist schon wirklich berühmt, ehe er alt ist; wer hat schon in jungen Jahren den Beweis erbracht, daß seine Erbanlagen der Nachwelt erhalten bleiben müssen? Doch von derlei Bedenken ganz abgesehen – Mullers Aufruf zur Eisschrank-Unzucht muß allen einen Schauder über den Rücken jagen, die sich bis heute die Achtung vor der Würde des Menschen bewahrt haben. V. G.