Der Lyriker Brust Meister, Träger des Drone-Preises, heute ein Mann von fünfzig Jahren, blieb an den Umschlagorten moderner Poesie in Deutschland bislang so gut wie unbekarnt. „Draußen“ ist das schon anders: bei André Silvaire in Paris erschien erst kürzlich eine Gedichtsammlung unter dem Titel „La yeux les barques“; in den Cahiersdu Sud war Meister mit fünf Gedichten, einziger Repräsentant der deutschen Gegenwartslyrik – seine Partner aus dem angelsächsischen Sprachraum: Eliot und Fry.

Meisters erstes Gedichtbuch erschien 1932, das zweite folgte zwanzig Jahre später; V. O. Stomps nahm sich seiner Gedichte an. 1958 druckte Niedermayer im Limes Verlag die Sammlung ‚,Zahlen und Figuren“, es folgte

Ernst Meister: „Die Formel und die Stätte“; Limes Verlag, Wiesbaden; 88 S., 7,50 DM.

Alles in allem kein sehr umfangreiches Opus. Doch wann hätte jemals der Umfang eines Wirkes seine Bedeutung ausgewiesen? Dazu genügten zu allen Zeiten einige wenige große Gedichte.

Genügten sie wirklich? Zu Lebzeiten eines Dichters wohl in den allerseltensten Fällen. Eine Botschaft mag noch so wahr und wichtig sein – sie wird nur dann gehört, wenn alle Empfänger auf die Wellenlänge des Senders eingestellt sind. Genau das aber ist hier nicht der Fall.

Wieso auch! Meisters Gedichte sind von einer Modernität, welche die gängige Moderne weit hinter sich zurückgelassen hat – nicht etwa weil sie sich, in Richtung auf einen imaginären Punkt, von ihr fort bewegt hatten, sondern weil sie sich in das verborgene Zentrum aller großen Bemühungen um eine wahre und wirkliche Seins- und Selbstaussage in der deutschen Gegenwareslyrik begeben haben. Dort behaupten sie unerkannt ihren Platz.

Unerkannt zum Beispiel deshalb, weil diesen Gedichten die in vielen theoretischen Abhandlangen der gängigen Modernen dargelegten Merkmale „gegenwartsnaher“ Lyrik völlig fehlen, in da sind: vom Motiv her die soziale Anklage, der Weltekel, das epatez le Bourgeois, die Atombombe; von der Poetologie her der Laboratoriumsgedanke, die Montagetheorie, der lyrische Automatismus; von der Sprache her das „faszinierende“ Kunstwort, der Slang, die technische Vokabel, die surrealistische Genetivmetapher, die perspektivische Verkürzung; von der Aussage her die Aggressivität, das Zupackende oder auch das Understatement. Als ob das alles nicht an der Peripherie läge! Für Meister liegt es an der Peripherie.