paul Klee (1879-1940):

Ohne Titel

Es gibt so viele malerische Erlebnisse, diesich mir seit den ersten starken Eindrücken der Kindertage erhalten haben, daß es schwerfällt, die verlangte betonte Wahl zu treffen. Da es sich aber um ein Bild handeln soll, das nichts Geringeres als eine Lebensbeziehung aufrechterhalten kann, will ich von einer unbequemen Erfahrung sprechen. Sind es nicht meist die unbequemen Partnerschaften, die bereichern?

Als ich vor langem einer mittelmäßigen Reproduktion von Paul Klees letztem Bild „Ohne Titel“ (1940) begegnete, ahnte ich nichts von dem, was sich in der Malerei seit den expressionistischen Ansätzen im Spätwerk des van Gogh getan hatte. Immer war ich voll Hemmungen, wenn ich mich in das Abenteuer des Verstehenwollens zeitgenössischer Bilder einließ, ganz anders als etwa im Bereich der Musik. Schuld daran war wohl auch die fensterlose Klause, die meiner Generation in Deutschland von den Herren der „tausend Jahre“ zum Aufenthalt angewiesen wurde.

Zunächst waren mir Klees Kontur und seine Farbwerte noch stumm. Ich spürte bloß den Wachtraum-Inhalt, das hinter den Dingen Ausgesagte. Mit dieser Anregung war ich auch schon ausgezogen, das Fürchten zu verlernen. Biographie und Äußerungen Klees ließen mich alles von ihm sehen wollen. Als es dann anfing, auch „technisch“ zu dämmern, das heißt, als mir klar wurde, was er mit seinen vielerlei Gestaltungstechniken durchscheinend zu machen imstande war, wuchs mein Interesse.

In der Berliner Akademie der Künste begegnete mir das Bild „Ohne Titel“ wieder. Diesmal stand ich nun dem Original gegenüber. Mir war, als „sähe ich jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Worte“. Das zwang mich (mit der einzigen Ambition des Mitdenkenwollens), selber Palette und Pinsel in Bewegung zu setzen. Der oft schon praktizierten zeichnerischen Linie sollte die gradweise verstandene Farbe folgen, so stückweise und verwirrend das Erkennen auch bis heute geblieben ist.

Hätte mich ein anderes Bild fester „am Kragen fassen“ können? So muß ich es wohl, mit gebotener Demut, als „mein“ Bild ansehen.

DIETRICH FISCHER-DIESKAU, geboren 1925 in Berlin, genießt als Opern- und Konzertsänger, ganz besonders als Interpret des romantischen Liedes, höchstes Ansehen.