R. S. Bonn, im Oktober

Die Koalitionsgespräche der FDP mit den Unionparteien nehmen den erwarteten Verlauf. Über die Außen- und Verteidigungspolitik hat man sich in den wesentlichen Zügen bereits geeinigt. Die FDP will jedenfalls keinem Disengagement zustimmen, wenn dafür nicht Konzessionen in der Frage der Wiedervereinigung oder der allgemeinen Abrüstung zu haben sind. Und davon kann ja zur Zeit nicht die Rede sein.

Am Dienstag verhandelte ein auf beiden Seiten personell vergrößertes Gremium über sozial- und finanzpolitische Fragen. Dem Kanzler erschienen diese Probleme immer schon als weniger gravierend. Darüber werden sich die beiden Parteien denn auch bestimmt nicht zerstreiten.

Sobald die Sachfragen geregelt sein werden, beginnen die Personalgespräche. Fünf Ministersitze wurden der FDP bereits in Aussicht gestellt. Auch auf die Verwaltungsspitzen soll sie Einfluß gewinnen. Und sicher wird sich Konrad Adenauer da nicht kleinlich zeigen. Dann erst, mit einem gefälligen Sortiment an Posten und der sachlichen Verständigung in der Tasche, wollte Mende vor den Bundesvorstand und die Fraktion treten. Er glaubte offenbar, daß er nur so ausgerüstet auf eine sichere Mehrheit für den Eintritt in ein Kabine Adenauer rechnen könnte.

Sind ihm inzwischen Zweifel gekommen? Glaubt er, eine Rückendeckung durch ein möglichst breites Gremium verantwortlicher Parteileute nicht entbehren zu können? Oder wollen ihn seine Gegner aufs Glatteis locken, weil sie hoffen, vor einem großen Parteigremium doch noch den „Adenauer-Kurs“ Mendes und Weyers ändern zu können? Wie dem auch sei: Die Entscheidung, ob die FDP in ein Kabinett unter Dr. Adenauer eintreten wird, soll eventuell einem außerordentlichen Parteitag oder – was wahrscheinlicher ist – dem Hauptausschuß vorgelegt werden. Dort soll Reinhold Maier als Männer und Warner wider die Gegner einer Adenauer-Koalition auftreten. Man erwägt sogar, Altbundespräsident Heuss für diesen Zweck zu bemühen. Die Kritiker freilich meinen, mit der Kanzlerfrage habe die Bundestagsfraktion allein fertig zu werden.