Von Ludwig Marcuse

Auf dem Olymp, dort wo die deutschen Klassiker thronen, gibt es zweierlei Quartiere. In dem einen sitzen die seligen Kant und Goethe und Schiller auf goldenen Stühlen und leben üppig von wissenschaftlichen Ausgaben und vielen festlichen Kant- und Goethe- und Schiller-Zitaten, die ihnen in Fülle gespendet werden – obwohl man nicht ganz genau weiß, wie ihnen das Abgegriffene bekommt.

Weit entfernt davon hausen die weniger Hofierten: die Heine und Marx und Nietzsche und Freud; dort ist der Himmel recht bewölkt, ab und zu grollt es, mit aufsteigenden Schmucksätzen hapert es, dafür aber bringen diese peinlichen Götter Leben in die Bude.

Sie sind Katalysatoren, sie beschleunigen einen in Gang befindlichen Prozeß. Ruhige Bürger, die vor solcher Beschleunigung zurückschrecken, meiden diese unheimlichen Elemente. Was kann einem passieren mit einem Platon-Seminar? Das hat schon Aristoteles abgehalten. Nietzsche hingegen ist ein heißes Eisen. Man studiere einmal die Universitätsverzeichnisse in bezug auf das, was sie zum Überdruß bringen – und die Mangelware.

Auch ohne die Nietzsche-Schwester, ohne Peter Gast, ohne den Nazi-Bäumler und ohne die kommunistische Nietzsche-Phobie wäre man wohl mit dem Werk dieses gewaltigsten Denkers der letzten hundert Jahre nie so akademisch-eifrig vorgegangen wie mit Nikolaus von Cusa oder Leibniz – von den klassischen Idealisten gar nicht zu reden. Es lag durchaus nicht nur an der Familie. Heine hat keine böse Schwester gehabt, nicht einmal eine Tochter Anna – und dennoch haben die so eifrigen deutschen Literaturhistoriker ihn noch keiner kritischen Gesamtausgabe gewürdigt. Er lebt immer noch im Exil.

Nietzsche hat ganz besonderes Pech gehabt: Nicht nur die Familie war gegen ihn – auch das Schicksal, das ihn hinderte, sein Haus, seinen Palast zu bestellen. Eine Reihe seiner besten Werke, ein reicher Nachlaß war 1889, als er wahnsinnig wurde, in einem Zustand, der es möglich machte, unauffällig Stücke verschwinden zu lassen, zu fälschen, zu manipulieren – zum Beispiel, indem die Besitzer Manuskripte unter Schloß und Riegel hielten und ab und zu nur solche Pröbchen herausließen, die eine erwünschte Deutung stützen konnten. Von diesen Machinationen ist im Lauf der Jahrzehnte mehr und mehr an die Öffentlichkeit gedrungen.

Heute liegt das Nietzschearchiv nicht mehr im bayreuthischen Deutschland und nicht mehr im Dritten Reich – was schon schlimm genug war –, sondern in einem Land, das Nietzsche immer als Feind Nummer eins betrachtet hat: als so was wie – den philosophischen Repräsentanten der Bourgeoisie im Zeitalter des Monopolkapitalismus. In jenem Klima ist die neueste Nietzsche-Ausgabe zustande gekommen –