Unsere durch und durch unheilige, ja eigentlich heillose Zeit hat einen merkwürdigen Hang, dem Geheimnis des Heiligen auf die Spur zu kommen. Es ist, als suche man inmitten einer Welt, in der die Wirklichkeit unglaubwürdig geworden ist, die Glaubwürdigkeit des Unwirklichen (oder was man dafür hält) zu ergründen. So sind jene Gestalten, welche die Kirche zu Heiligen erhoben hat – und gerade nicht so sehr diejenigen, die auch außerhalb rein religiöser Aspekte als Hochbilder des Menschentums verehrungswürdig erscheinen könnten, sondern die an sich unscheinbaren, erst durch das ihnen gewissermaßen von Gnaden der Einfalt zugefallene Wunder aus der Alltäglichkeit Emporgetragenen – so sind sie als Gegenstände teils kritischer Untersuchung, teils skeptischer Infragestellung, teils platter Banalisierung und teils dichterischer Verklärung in die Literatur unserer Tage eingegangen. Sogar die Graphologie hat sich neuerdings dieser Problematik bemächtigt – ein besonders beredsames Zeichen für den wissenschaftlichen Eifer um eine Erklärung des beunruhigend Unwissenschaftlichen.

Die ziemlich zahlreichen Jeanne d’Arc-Publikätionen brauchen hier nicht aufgezählt zu werden. Der Gegenwart und dem modernen Menschen befremdlicher – gerade wegen der größeren zeitlichen Nähe – erscheint die kleine Bernadette Soubirous, der die Grotte von Lourdes ihren Weltruhm verdankt. Sie ist unserem Jahrhundert vor allem durch Franz Werfel vor Augen gestellt und im Gefolge seines Romans für eine Weile beinahe aktuell geworden. Das war indessen mehr eine Leistung des Dichters als eine Eigenwirkung seiner „Vorlage“; mehr eine Wirkung der Kunst als der schmucklosen Lebenswahrheit. Eben darum blieb noch etwas zur Sache zu sagen übrig: nämlich der einfache Bericht. Es tut nichts, wenn auch er nicht in protokollarischer Nacktheit vorgelegt wird, sondern ebenfalls aus der Schau eines Dichters. Entscheidend ist dabei nur, daß sich, dieser andere Dichter dabei zunächst einmal die Rolle und die Arbeitsmethode eines Reporters aufzwang, dem es zwar erlaubt ist, das Feststehende zum Mutmaßlichen hin offenzuhalten, aber nicht wesentlich von dem verbürgten Sachverhalt abzuweichen. So entstand ein Referat, das sich gerade seiner gewissen Nüchternheit wegen als unerwartet durchlässig für die Wahrheit hinter der Wirklichkeit erwies –

Gilbert Cesbron: „Der Spiegel der Heiligkeit“, aus dem Französischen übertragen von Hedwig Kehrli; Alfred Scherz Verlag, Bern /Stuttgart; 220 S., 14,80 DM.

Man kennt den Autor von dem bei uns besonders bekannt gewordenen Roman „Die Heiligen gehen in die Hölle“ und von den nach seinen Büchern gedrehten Filmen „Wie verlorene Hunde“ und „Es ist Mitternacht, Dr. Schweitzer!“ Er hat sich schon mehrfach als echter Dichter ausgewiesen, worunter ein Mensch der Feder zu verstehen ist, der durch die Oberfläche der Dinge ihr inneres Leben zu schauen und dieses anschaulich darzustellen weiß.

Was Cesbron nun hinter dem Mädchen und der späteren Nonne Bernadette, deren armes und doch so reiches Dasein er uns schildert, entdeckt hat, sagt der französische Buchtitel viel deutlicher und besser als der deutsche. Er lautet nämlich: „Il suffit d’aimer“ – „es genügt zu lieben“. Damit ist der letzte Kern alles Heiligenlebens gekennzeichnet, ist aber auch ausgesagt, warum ein solches Leben uns angeht, warum es uns wichtig und wert sein muß, uns Menschen des technischen und merkantilen Zeitalters, das auf der atemlosen Jagd nach dem Nützlichkeitsheil verlernt hat, an den Heilswert der Liebe zu glauben.

Es hat etwas Rührendes, zu sehen, wie der „Berichterstatter“ Cesbron im Laufe seiner Erzählung so sehr von der Liebe angesteckt wird, daß er, des trockenen Tones mehr und mehr satt, sich am Ende zu einer Art ganz persönlichem Liebesgeständnis entschließen muß. Hier hat der „Stoff“ nicht nur den Autor, er hat die vorgefaßte „Sachlichkeit“ mitsamt der „Literatur“ überwunden.

Ein schönes Buch.

Walter Abendroth