Hugh Gaitskell hat in der vergangenen Woche die Führung der Labour Party zurückgewonnen, die er vor einem Jahr verloren hatte. Sein Stellvertreter aber, George Brown, hat nicht nur seine alten Positionen zurückerobert – er hat sie um das Doppelte verstärkt. Browns brillante Rede auf dem Parteitag in Blackpool hat dazu beigetragen, die Gefahr zu bannen, daß die Labour-Party sich über die Frage eines Beitritts zum Gemeinsamen Markt sowie über das Problem der europäischen Atomverteidigung spaltet. Diese Rede hat aber auch viele Delegierte und Beobachter zu der Meinung gebracht, man müsse Brown zum Außenminister des Labour-„Schatten-Kabinetts“ machen.

Die seltsame britische Institution eines Schattenkabinetts der Oppositionspartei bedeutet, daß die Schattenminister Sprecher ihrer Partei auf einem bestimmten Gebiet sind – aber damit durchaus nicht das Versprechen der Partei in der Tasche tragen, auch wirklich Minister zu werden, sollte die Partei zur Macht kommen. Im Fall Brown verhält es sich allerdings so, daß die kraftvolle Persönlichkeit dieses Mannes sowie das starke Interesse, das er als Abgeordneter immer für Außenpolitik gezeigt hat, ihn auf diesem Posten halten könnte bis zu dem gesegneten Tag (und über ihn hinaus), da für die Labour Party der Schatten zur Wirklichkeit wird.

Für Browns politischen Erfolg in seiner eigenen Partei gibt es eine einfache Erklärung. Einheit, so hat er immer gesagt, kommt zuerst, und Diskussion und Widerspruch brauchen diese Einheit nicht zu zerstören. Vor zwei Jahren sagte er von der Partei: „Die alte Gewerkschaftsdoktrin muß aufrechterhalten werden. Wir werden uns nicht spalten. Vereint werden wir stehen, getrennt werden wir fallen. Das sind entscheidende Punkte, die von allen Personalfragen getrennt werden müssen.“ Er fügte hinzu: „Der einzige Vorteil, den die Opposition gegenüber der Regierung hat, liegt darin, daß wir in Einzelfragen keine verbindliche Position beziehen müssen.“

Der Oppositionsführer Gaitskell, der sich während all der Parteikämpfe nie über Browns mangelnde Loyalität zu beklagen hatte, stimmt mit dieser Einsicht im Grunde überein – vergißt sie freilich in der Praxis sehr häufig.

George Brown, dessen Vater Lastwagenfahrer auf dem Lande war, ist ein Mann der Emotionen. So ist er das Gegenstück zu Hugh Gaitskell, jenem Intellektuellen, der stets gegen seine eigene Herkunft aus der Oberklasse rebellierte. Brown gibt sich jovial, gut gelaunt und manchmal fast ausgelassen. Seine dicken Augenbrauen und die immer ein wenig erstaunt dreinblickenden Augen, die so groß wie Untertassen erscheinen, geben ihm das Aussehen eines erfahrenen Komikers in einem Provinzzirkus. Wie Gaitskell ist er ein Genießer, der ein angenehmes Leben und auch das Feiern zu schätzen weiß. Aber anders als Gaitskell hat er niemals versucht, diese Tatsache zu verbergen. Seine Reden strotzen von blumigen Bildern und satirischen Bemerkungen. Brown hat eine laute Stimme, und er liebt es, seinem Clownsgesicht die Maske übertriebener Wut oder komischer Würde anzulegen. Im Grunde ist er ein warmherziger Mann, und man gewinnt den Eindruck, daß er immer meint, was er sagt.

Browns politische Herkunft zeigt ein Paradox. Er gehört sowohl dem rechten Flügel der Labour Party an als auch – und zwar sehr aktiv – der großen Transport-Gewerkschaft von Frank Cousins. Die beiden Männer zanken sich jetzt so heftig, wie nur alte Streitgefährten es fertig bringen. Cousins, der die Bewegung der extremen Linken für eine einseitige Abrüstung anführt, wollte Brown kürzlich daran hindern, auf dem Kongreß seiner eigenen Gewerkschaft über Verteidigungsfragen zu sprechen.

Brown, der jetzt 46 Jahre alt ist, begann seine Arbeit in der Gewerkschaft in einer untergeordneten Position, wurde aber schon bald hauptamtlicher Funktionär. Vor dem Krieg machte er sich einen Namen durch seinen Mut und seine Rednergabe. Er startete eine berühmt gewordene Attacke gegen George Landsbury, den von vielen verehrten alten Pazifisten, der damals Parteiführer war. 1939 – Brown war gerade vierundzwanzig Jahre alt – schockierte er den Parteitag durch seine Forderung, Sir Stafford Cripps solle aus der Partei ausgeschlossen werden. Auch damals begründete er sein Vorgehen hauptsächlich mit dem Argument, daß ein Krieg drohe und daher nationale Einigkeit und Verteidigungsbereitschaft über allem ständen. Er hat sich immer als der Erzfeind der linken Intellektuellen in der Partei erwiesen. Die Bevan-Leute nannte er einmal „diesen Haufen spleeniger Furien“.